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Full text of "Anton Schönbach, Über die Marienklagen, Graz 1874"

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Ober 

DIE MARIENKLAGEN. 



EIN BEITRAG 



ZUK 



GESCHICHTE DER GEISTLICHEN DICHTUNG IN DEUTSCHLAND 



YON 



PR. ANTON SCHONBACH 

AO. O. PROFESSOR DKM DEUTSCHE* SPRACUE UNU LITTERATUR. 



FESTSCHRIFT 

DEB K. L DUIVEBSITAT IN GRAZ ZUB JAHRESFEIER AH 15. NOVEMBER 1874. 



IN COMMISSION BEI LEDSCHNER & LUBENSKT. 
UN1VERSITATS-BUCHHANDLUNG IN GRAZ. 



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Miialer siu diu giiala lliiz alia/, scouuola, 

Lh6so sclbuu qufsli lliio ruarlun iro briisli 
Ilozagemo innate, joh uuanl uns iz zi giiale, 

ni niolit iz sin in antler, ui sia ruarli lliaz *»c>. 
Sin dnit ouh stuanl thar e*iuer mil thfaruuduamu reincr; 

er giburila ouh Iho thar, joh sdh imo lhaz j&inar. 
Tlu'iruh Ihio sino guati Iho in dcrero uoti 

bifalah Ihcr son guater themo sina mualcr, 
Thaz er sia zi (mo nami, si drtislolos ni uuari, 

iu ira kfndes uuehsal sia bisuorgeli ubaral. 
Bis6rgela er thia inualer thar so hangenter; 

uuir sin gibtit ouh uufrken iuli bi tinsa mualer th6nken. 

Otfrid IV, 32. 



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MJie untersuchung, welche in diesen blattern gefuhrt werden s)ll, erstreckt 
sich auf folgende stflcke: 

A - Unsir vrowen klage, von WGrimm herausgegeben in HaupCs zeitschrift 
I, 34 — 37. nochmals von OSchade Niderrheinisdte gedichte s. 208 — 212. 

B Lichtenthaler Marienklage, herausgegeben von Mone, Schatispiele des 
Mittelalters I, 31—37. PhWackernagel, das dentsche Kirchmlied II, 346^, 
nr 509. 

C — Benedictbeurer osterspiel, herausgegeben von B. J. Docen in Aretiris bei- 
tragen zur geschichte und litteratur VII, (1806) 497—508, van Hoff- 
mann v. Fallersleben in den Fundgruben 11,245 — 258, von Schmeller, 
Carmina burana s. 95 — 107, von Edelestand dn Meril, Origines latines 
du theatre moderne s. 126 — 147, von PhWackernagel aao. II, 341 — 346 
nr 508. 

D Milnchner Mariettklage, herausgegeben xon Franz Pfeiffer in Haupt und 
Hoffmanns Altdetitscheti blattern H, 373—376. 

E aus Trier , Fundgruben II, 260 — 279 und PhWackernagel aao. II, 
347-353 nr 510. 

F — Ahf elder passionsspiel, herausgegeben von C. W. M. Grein. Cassel 1874. 

G — Friedberger dirigierrolle, herausgegeben von Weigand HZ VII, 545 — 556. 

H — Frankfurter dirigierrolle^ herausgegeben von v. Fichard in seinem Frank- 
fnrtischen archiv fur altere deutsche litteratur und geschichte. Ill, 
131—158. 

I — Marienklage, herausgegeben von Docen im neuen litterarischen anzeiger 
1806, sp. 82—84, wiederholt Fundgruben II, 281—283. 

K =- Gundelfingers grablegung Christi, herausgegeben von Mone, Schatispiele 
des Mittelalters II, 131—150. 

L - Egerer passionsspiel, herausgegebm von Bartsch, Germania III, 267 — 297. 

M — Marienklage aus Bdhmen, durch herrn J. Virgil Grohmanns gilte mir 
freundlich zur verfiigung gestellt, anhang I. 

I 



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N Breskner Marienklage, herausgegeben von Alwin Schultz, Germania 
XVI, 58—60. 

Wolfenbiluler Marienklage, herausgegeben von Schtinemann. Hanover 1855. 

P - Bordesholmer Marienklage, herausgegeben von Milllenhoff HZ XIII, 
288—318. 

<}---= St. Galler bruchstilck, herausgegeben von Mone, Schampiele des Mittel- 
alters I, 199—200. 

R — Engelberger bruchstilck, herausgegeben von Mone aao. I, 201. 

S — Luzemer brnchstuck, herausgegeben von Mone aao. I, 202 — 203. 

T - Marienklage aus dem Sterzinger passionsspiel, herausgegeben von Pich- 
ler, Cber das drama des MUtelalters in Tirol. Innsbruck. 1850. s. 
18—24. 

U = bruchstncke, znsammengestellt von Pichler aao. s. 31 — 35. 

V = Marienklage mit den propheten, herausgegeben von Pichler aao. 

s. 115—140. 
W =- Prager Marienklage, gedruckt im anhang II. 
X = St. Galler passionsspiel, herausgegeben von Mone aao. I, 72 — 128. 

Y — Donaueschinger passionsspiel, herausgegeben von Mone aao. 11, 183 — 350. 
Z = Innsbrucker anferstehnng Christ i, herausgegeben von Mone, Altdeutsche 

schampiele s. 109 — 144. 
a — Wiener osterspiel, herausgegeben von Hoffmann, Fundgruben II, 297 — 336. 
(J Freiburger passionsspiele, herausgegeben von Ernst Martin, Freiburg 1872. 

y — Zerbster procession, herausgegeben von Sintenis HZ II, 276 — 297. 
<J Uerdinger spiele, herausgegeben von Rein, Crefeld 1853. 

Urn eine gemeinsame grundlage der Marienklagen sogleich unzweifelha/t zu 
machen, stelle ich im folgenden die am haufigsten vorkommendeti versikel zusammen. 
ich habe, damit nicht die schreibweise einer handschrift gegen die der andern fest- 
gehalten werden miisse, die verse ins mhd. umgeschrieben. 
I 6\v£ der jfemerlichen klage, 
die ich muoter einiu trage 
von des t6des wAne! 

B 1—3; D 10—13; E 263, 6—8; F 6054-6056; L 283, 10—12; M 83-85; 
427—429; T s. 20; V s. 127; (/* 1739. 1% 

II weinen was mir unbekant, 

sit ich muoter was genant 

und doch mannes Ane. 
B 4-6; D 14-16; E 263, 9-11; F 6057—6059; I 283, 6—8; L 283, 
13—15; M 86— *8; 430—432; T s. 20. 



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HI ih) ist ze weinen mir geschehen, 

sit ich (linen t6t muoz sehen, 

den l ich Ane swaere gar 

niuoter unde meit gebar. 

B 7. 8; D 17—20; E 263, 12—15; F 6060—6063; I 283, 9—12; L 283, 

16—19; M 89—92; 434—437; P 656-659; (Q 37); T s. 21; (p 1735.6). 

IV dine wunden tuont mir \v£; 

dannoch klage ich michels me 

daz du herzeliebez Uut 

wider mich niht maht werden lut. 
B 78-83; D 65-68; E 263, 33—36; F 6074— 6077; L 283, 11—14 unten; 
M 103—106; NBi 18—21; P 501-504. 

V 6w6 kmt, diu wengel sint 

dir s6 gar erblichen; 

al diu krafl al diu maht 

ist dir s6 gar entwichen. 
B-31— 36; D 29—32; E 263, 37—40 mit variante; F 6078. 79; L 283, 
5—10 unten; 285, 13—15 unten; M 97—102; NB* 13—18; Q 8—12. 
VI ein swert mir geheizzcn was 

von SlmeGnis munde, 

Jhesu Krist, 66 ich din genas; 

daz snldet mich ze stunde. 
B 85—87; D 21—24; L s. 284 oben; M 117—120; Q 4-7; V s. 135. 

VII 6wG t6t, dise n6t 
maht du mir wol enden, 

wilt du von dir her ze mir 

dinen boten senden. 
B 13—18; E 263, 16—19; F 6064. 65; L 286, 13—18; M 129—134; P 
(388.9) 680—685; (Vs. 133). 

VIII t6t, 6we tdt, 

t6t, nu nim uns beide, 

daz er als6 eine niht 

von mir werde gescheiden. 
D 37—40; E 263, 20—24; M 181—184; 440—442; P 698—701; T s. 
25; V s. 133. 

IX 6w£ waz hit er in get&n? 
muget ir in niht leben l&n 



1 ahnlich im einfachen satz gr. IV. 341 f. 



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und hietet benumen mir den lip? 

6\v£ waz sol ich armez wip? 
D 73—77; E 263, 25—28; F 6066—6069; L 285, 9—12 unten; M 297—300; 
NA2 4—7; 438.9; P (396. 7). 639-642; Q 14—17. 

X herze brich! kint, nu sprich 
und 1& mich mit dir sterben, 
ode ich muoz hie under dir 
s6 jiemerllch verderben. 

E 271, 16— 19; F C462. 3; G s. 549; L 286, 7— Vlmit variante; M 123— 128 
mit variante; NB 2 7 — 12 mit variante; (T s. 20). 

XI (iiu sunne birget iren schin 
al der werlt gemeine, 

diu erde erbidemt, swie si lit, 
uf kliebent sich die steine. 
1) 33-36; L 285, 1—4 unten; M 173—176; NB2 24-27; P 694—697. 

XII 6\v£ wer mit sin sper 
also her geneigct, 

daz er dich und ouch mich 

jeemerlichen scheidet ? 
B 49—51; D 25—28; E 268, 7. 8; F 6396. 7; L 286, 1-6; M 121.2; 
NB' 22—25; P 648—653. 

XIII ir vrouwen, helfet mir ze klagen \ 
mlnen jsemerlichen schaden; 

denke eine muoter an die n6t, 
ob ir liebez kint waer tdt. 
D 46 — 49 ; sonst Hberall mit varianten. 

XIV Owe 1 des gauges, den ich g6n 
mit jAmcr und mit riuvven ; 
ich mac gesitzen noch gest^n, 
min leit daz wil sich niiiwen. 

D 1—4; E 261,20; F 5942. I 281, 15—18; L 281, 1—4; M 59—62; P 
169—174; T 5. 20; V s. 139. 

XV jjr6zer klage g£t mich n6t, 
6w£ waere ich vilr dich tdt; 
vater, schepher List du min 
und ich anniu muoter din. 

B 73. 4; D 69—72; E 262, 7. 8; 263, 29—32; 269, 26. 7; F 5998.9; 



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6070—73; 6436.7; I 282,5; K 5. 6; L 283, i— 4 nnten; M 5.6; 11. 12; 
93—96; NBi 14—17; P 497—500. 

XVI ich hcere einen grozen ruof, 

daz ist Jhesus, der mich geschuof. 
D 6. 7; E 266, 16—20; F 6172—76; I 282, 1. 2; M 9. 10; P 233. 4; 
T s. 22. 

XVII 6w6 mir, nil ist er tot, 

nil verniuwet sich mine n6t, 

die ich senelichen trage 

unde klegelichen klage. 
D 78-81; E 271, 26—29; F 6475—6478; H s. 151; L 285, 5—8 nnten ^ 
M 291—294; NA°- 8—12; 162. 3; P 623. 626. 631. 636—38. 
XVI11 dine n6t diu noetet mich, 

din bluot daz roetet mich, 

din tot der toetet mich. 
D 62—64; M 185-87; O 443—45; P 702-4; T s. 25. 

ich glaube, dafs diese verse in ihrer vorliegenden gestalt um die mitte des xm. jahr- 
hunderts abgefafst warden und erklare mir die freiheiten ihrer sprache teih aus 
dem voikstumlichen sinne ihrer verfasser, teih aus der beschaffenheit der vorlage. 
denn die ersten dreizehn versikel sind dem inhalte und der form nach freie bearbei- 
lung einer sequenz, wetche znerst von Mone mit hilfe von zwei handschriften, einer 
aus Namur (a), einer aus Reichenan (U\ beide des xv jahrhunderts, im 2. bande 
seiner schauspiele des mittelalters s. 362 /f, dann von du Merie (Origines lot, s. 143 
anm. 3), der drei oder vier handschriften des xm und xiv jahrhunderts kannte 
(aao. s. 142 anm.), aus einer handschrift des Rosarium sermonum praedicabilium 
xiv jahrhunderts (d), zuletzt von Ketzein (Lateinische sequenzen s. ill f) aus dem 
Missale f rat rum Carthusiensium, Paris 1520 fc) herausgegeben worden ist. Mone 
hat schon (aao. s. 360 f) angemerkt, dafs diese sequenz l mit den alien scliauspielen 
zusammmhdnge, Schade hat (geistliche gedichte vom Niderrhein s. 207) daranf 
hingeiciesen, EWilken (Geschichte der geistlichen spiele s. 76 anm. 5) die Ubetein- 
stimmnng der oben gedruckten verse mit zwei stellen der sequenz wahrgenommen, * 



1 Milken nennt (aao. s. 76) diese sequenz *den hymnus des Bonaventura* allerdings 
steht bei Mone s. 362: * dieses weittaufige gedicht gehb'rt, wie schon der eingang zeigt, 
zur grablegimg Christi. in andern handschriften wird es dem Bonaventura (starb 1274) 
zugeschrieben (Bonavenhirae opera Venet. 1755. I, 130.)' allein diese sdlze beziehen sich 
auf die Horae de planctu beatae virginis, quas composuit papa Johannes XXII., deren an fang 
Mone daselbst (freilich auf der vorhergehenden seite) gedruckt hat, ein ahntiches versehen 
hat Schade (aao. s. 207) begangen. man vergl, Mone, Lateinische hymnen des Mittel- 
alters II, 139. 



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aber die sache wurde wetter nicht beachtet. den einselnen absdtzen des folgenden 
lextes habe ich die nummern der entsprechenden deutschen versikel links beigesetzt. 

II Planclus ante nescia, 1 

I III .planctu lassor anxia, 2 

crucior dolore; 7 

orbat orbem radio, 3. 4 
5 me Iudaea filio, 

gaudio, dulcore. 5. 6 

(X) Fili, dulcor unice, 

singulare gaudium, 

matreni flentem respice, 13. 14 

10 conferens solatium. 15 

IV Pectus, mentem, lumina 17. 18. 20 
torquent tua vulnera: 

quae mater, quae femina 
tarn felix, tarn misera? 

15 Flos florum, dux morum, 
veniae vena, 

quam gravis in clavis 19 

est tibi poena! 

V Proh dolor! hinc color 
20 effugit oris; 

hinc ruit, hinc fluit 26 

unda cruoris. 

quam sero deditus, 27 

quam cito me deseris! 
25 quam digne genitus, 

quam abjecte morcris! 32 

quis amor corporis 
tibi fecit spolia? 

quam dulcis pignoris 34. 35 

30 quam amara praemia! 



t pi. prius nescia b die verse 1—6 finden sick audi in CDI 12 tua torquent c 

13 quam femina ab 19 hinc dolor b 21 h. fluit h. ruit ab 23 editus a; die verse 

23—30 fifhlen in b 24 qui cd me cito a 26 hie abj. a 28 sibi c fecit tibi d 
30 tam a. a abjecla pr. d 



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VI 



VII 



VIII, XII 



IX 





pia gratia 






sic morientis! 






o zelus o scelus 


38.39 




invidae gcntis! 




35 


fera dextera 






crucifigentis! 


40. 41 




lenis in poenis 


42-45 




mens patientis! 






verum eloquium 


46.47 


40 


justi Simeonis! 


48.49 




quern promisit gladium 


50 




sentio doloris. 


52 




Gemitus, suspiria 






lacrimaeque foris 


53-55 


45 


vulncris indicia 
sunt interioris. 

Parcito proli, 






Mors! mini noli: 


56—59 




tunc mihi soli 




50 
II 


sola mederis. 
Morte beate 






separer a te, 


60.61 




dummodo, nate, 






. nou crucieris! 




55 


Quod crimen, quae scelera 62. 65 




gens commisit eflera! 






vincla, virgas, vulnera, 


63. 66. 67 




sputa, spinas, cetera 


68. 70 




sine culpa patitur. 


71.72 


60 


Nato, quaeso, parcite; 


75 




matrem crucifigite 


74 




aut in crucis stipite 






nos simul afQgite: 


77—80 




male solus moritur. 


81 


Wilt 


m in b 63 affligite b 


64 fehlt in b 



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65 Reddite moeslissimae 

corpus vel exanime, 82. 83 

ut, sic minoratus, 

crescat cruciatus 84. 65 

osculis, amplexibus. 86 

(X) 70 Utinam si<? doleam, 87. 88 

ut dolore peream! 

nam plus est dolori 89—93 

sine morte mori, 
quam perire citius. f 

XI 75 Quid stupes, gens misera, 100 

terram se movere, 94 
obscurari sidera, 

languidos lugere? 98. 99 

Solem privas luminc; 102. 103 

80 quomodo luceret? 

aegrum medicamine; 104. 105 

unde convalcret? 

Homicidam liberas, 106—108 

Jhesum das supplicio; 109 

85 male pacem toleras, 110 

veniet seditio. 113 — 115 

Famis, caedis, pestium 116 

Scies docla pondere, 117 

Jesum tibi mortuum 118 — 123 
90 Barrabamque viverc. 

Gens caeca, gens flebilis, 124 

age poenitentiam, 125 — 127 

dum tibi flexibilis 

Jesus est ad veniam. 128. 129 

95 Quos fecisti, fontium 
prosint tibi flumina! 
sitim sedant omnium, 
cuncta lavant crimina. 

66 examine a 6S cesset b 71 quod d. b 74 mit diesem verse brichl b ab 
75 quod st. a 83 homicidas a 86 venies d 89 tatuen m. a 



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100 



Flete, Syon filiae, 


130 




tantae gratae gratiae; 


132. 


133 


in venis angustiae 


134- 


-136 


sibi sunt deliciae 






pro vestris offensis. 


137- 


-141 


In amplexus ruile; 


143 




dum pendet in stipite, 


142 





105 

mutuis amplexihus 

se parat amantibus, 146—149 

brachiis protensis. 

In hoc solo gaudeo, 154 

lio quod pro vo bis dolco: 153 
Xlll vicem, quaeso, reddite; 

matris damnum plangite. 150 

101 iuvenis c? 102 sunt tibi c 105 pedent d 108 extensis a 109 solo 

fehft a 110 qui pro c lit rependitc a 

Das gedicht ist eine klage, wekhe Maria allein nnter denf kreuze stehend 
spricht. die verse 9. 10 setzen Christum noch ah lebend voraus, 65 ff erw&hnen 
bereits den leichnam, Ib/f erz&len die vorgange beim tode Christi, alles demnach 
in der reihenfolge, welche die evangelien innehalten. in den drei letzten absdtzen 
wendet sich Maria an die frauen von Jerusalem, deuten nun schon form und 
inhalt der sequetiz auf deren kirchliche verwendung am Charfreitag y (c ist ein Mis- 
sale), so scheinen diese letzten absatze, an die htirer gericktet, bestimmt darauf 
hinzuweisen. Maria tritt allein auf, klagt allein: wir haben somit dm einfacksten 
actus, den monolog. 

D, welches mit dem ersten absatze der seqnenz beginnt, enthalt am schlufse 
folgende verse: 

Mi Johannes, planclum move; 
plange mecum, fili nove, 
fili novo foedere 2 
matris et materterae. 



1 was Alt (Christi. cullus II 28/) iiber die feier des Charfreitags in (Merer zeit 
vorbringt, ist, wie ich von kundigen mich bclehrcn lasse, mit vielem andern in diesem 
toerke vngenau. 

2 vgl. Mone Lat. hymnen nr. 704 in nalivitale s. Johannis evang. v. 13. 14 

Gui matrem tali foedere 
mortis conjungis tempore etc. 

2 



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10 

tempus est lamenti: 

immolemus intimas 

eaerimarum victimas 

Christo morienti. 
In C finden sich dieselben verse (s. 106) nach der angabe: Tunc Maria am- 
plexetur Johannem et cantet eum habcns inter brachia. es heifst darnach wetter: 
El per loram quiescat sedendo, et iterum surgat cantando: 

Planctus ante nescia etc. 
Tunc iterum amplexetur Johannem et cantet: 

Mi Johannes etc. 
Johannes ad haec: 

Maria, tanlum noli 

lamentari tuo prolil 

sine me nunc plangere, 

quae vitam cupis cedere. 
In I stehen die verse Mi Johannes etc. nach 283, 12 also nach der bearbeitung 
des Planctus ante nescia. ihnen folgt dort von 13 — 20 tine nbersetzung, darauf 
als antwort des Johannes: 

Maria, Stella maris, 

cur tarn grave contristaris etc. 
Es ist nicht zu bezweifeln l , dafs diese verse Marias, vielleicht auch die ant- 
worten des Johannes eine fortsetzung der sequenz bilden sollten. an welche stelle 
sie gehOrten, wird indefsen aus den angaben in DCI nicht klar. in der dltesten 
fassung der sequenz tcaren sie nicht enthalten, da fur kommt uns ein beweis anders- 
woher. 

Die sequenz ist bisher nur aw verhdltnismdfsig spdten handschriften und einem 
drucke bekannt. es ware mithin leicht mOglich, dafs jeniand das hohe alter des 
lateinischen gedichtes, welches vorausgesetzt wird, wenn man es fur die quelle der 
unsern dmtschen Marienklagen gemeinsamen verse hdit, bezweifeln ktinnte, etwa das 
richtige verhdltnis umkehrend. es ist deshalb sehr erfrevlich, dafs ein bestimmtes 
zeugnis fur die existenz der sequenz im xn jahrhundert aufgewiesen werdm kann. 
A, Unsir vrowen klage, aus der hannOverschen handschrift stammend, in welcher 
auch die gedichte des Wernher vom Niederrhtin und die gleichfalls von WGrimm 
HZ x, 1 — 142 herausgegebenen Marienlieder sich be finden, ist eine genaue ilber- 
setzung 2 des 'Planctus ante nescia/ die rechts von der sequenz gedruckten ziffern 
bezeichnen die den lateinischen versen entsprechenden des deutschen gedichtes. und 



1 schon Mone, Schausp. des MA. II 361 merkt dies an, 

2 vgl. Schade aao. s. 207. er bietet auch s. 208—212 einen gereinigten text, dock 
miichlen mir manche iinderungen und auslassungen darin zu kiihn scheinen. 



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11 

dieses gedicht, aufgezeichnet in der jungeren kolnischen mundart, l ist unzweif el- 
haft im xii jahrhundert verfafst worden. 

So enge schliefst sich die ubersetzung an die vorlage an, dafs fur deren bitik 
sich einiges ergibt. die verse 65 — 69 werden nbei*setzt: 

gevit mir doch den doden lib 
(wan ich sin mudir bin undi ein vil armiz wib), 
dat ich mich gisade minis ruen 
unde min leit dicke irnuen. 
Das deutet auf 'crescat' in acd gegen das von Mone aus b aufgenommene 
'cesset'. in vers 83 wird durch die Ubersetzung: 

di sechere Barrabas, 
di ein mansletigir was, 
den haldint si zu live — 
Die lesart von cd bestatigt. die verse 87. 8 mussen dem ubrrsetzer in einer 
anderen fassung vorgelegen haben, denn er schreibt : 

von hungere, von durste unde von swerde, 
das si fluen, ob si mochtin, undir di erde — 
Sollte in v. 88 ein 'absconder^ gesitanden haben? — ahnlich bei 101. 2 und 
111. die verse 95 — 99 sind unubersetzt geblieben, sie werden sich in der vor- 
lage des ubersetzers nicht gefunden haben. auch das 'Mi Johannes etc! fehlt in 
der ubersetzung, es ist spater hinztigefugt worden, als man das bediirfnis empfand, 
die kirchliche feier zn erweitern. 

Fur die unter xiv — xvm mitgeteilten deutschen veisikel, so wie fur die nur 
went gen stUcken gemeimamen verse werde ich spelter im einzelnen die beziehungen 
auf die lateinische kirchliche poesie nachweisen. 



Nach diesen vorbemerkungen gehe ich an die betrachtung der einzelnen stucke. 

B. Mone\ nach ihm EWilken z und PhWackernagel 4 halten diese klage fur 
die alteste und erkluren die verdnderungen, welche in den iibrigen klagen sich vor- 
finden, fur verderbnisse. 

Den inhalt bildet ein gesprdch zwischen Maria und Johannes nach dem tode 
Christi, der am kreuze hdngend gedacht wird, v. 1 — 146. 147 — 172 geben eine, 



1 vffL Heinzel, Geschichlc der niederfrankisehen geschafUsprache $. 286. wenn dort 
diese Marienklagc ins xm jahrhundert gesetzt wird, so be%ieht sich dies natiirlich nur 
auf die lautbezeichnung der handschrifl. 

2 aao. s. 29. 

3 aao. s. 76/: 

4 das deutsche kirchenlied U 347. ihnen schliefst sich Lambert Guppenberger An- 
theil Ober- und Niederosterreichs an der deutschen Literatur usw. Linz 1871. s.bbf an. 

2* 



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12 

avch sonst bekannte, ton der prima Maria zu dedamierende lateinisch-deutsche ein- 
hitung zur auferstehungsfeier. die verse 1 — 146 sind nach Mone's angabm in 
der handschrift folgendermafsen eingeteilt: vier absdtze von je 18 versen nach detn 
schema : 



10 



/ 

/ 


I 

I 


1 ! 
1 1 


a 
a 


' 


I 


' ^ 


b 




I 


1 


c 


/ 


1 


1 / 


c 


/ 


1 


/ v> 


1) 


/ 
/ 


/ 
1 


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/ / 


d 
(I 


/ 


1 


/ ^ 


e 


/ 


1 


1 1 


f 


/ 


1 


1 1 


f 


/ 


1 
1 


1 v> 


e 
8 


t 


• 1 


• 


g 


1 


/ 


I ^ 


h 



15 



/ / /^ h 

Uarnach zwei absdtze von je 24 zeilen, derm jeder zweimal das eben ange- 
gebene schema der verse 1 — 12 mthalt. sodann ein absatz von 12 versen ebenso 
gebaut und einer von 14 versen, die in ihrem bane getiau den versen 1 — 14 des 
verzeichnetm schemas enlsprechm. von den ausfilhrungen Mones scheint mir eine 
behauptung ganz sicher: die ndmlich, dafs das ganze gedicht aus zehn strophm von 
je 18 versen bestehen sollte, dafs aber nur die 4 ersten strophm vollstandig seim. 
die beschaffmheit dieser klage zn erkldren, sind bisher, so weit ich sehe, zwei ver- 
suche gemacht worden: 

1. Mone und PhWackernagel meinen, die ilberlieferung des gedicht es set in 
nnordnung geratm; Wackernagel versucht, die mangelhaften strophm am anderen 
Marienkiagen zu ergdnzm. 

Dieser annahme steht zundchst entgegm, dafs die handschrift durchaus kein 
zeichen der unordnung anfweist. und ein solches milfste doch in dem erhaltenen 
texte noch sichtbar sem, icenn das ausfallen der abgesdnge scMechtem stande der 
■ilberlieferung zuzuschreiben wdre. welcher art milfste die ilberlieferung gewesen 
sew, welche beschaffenheit milfste die vorlage des schreibers der Lichtenthaler hand- 
schrift gehabt haben, damit gerade diese abgesdnge wegfaUen konntm ! zu dem gibt 
es gar keinen grund, nicht anzunehmen, dafs verfasser und schieiber unseres 



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13 

gediehtes itlentisch seien. die schreibweise innerhalb der verse stimmt zu den reimen ; 
der schriftcharakter Idfst Mone fiir die entstehungszeit der handschrift das ende 
des xiii jahrhunderts halten, dazu pafst der strophenbau und die metrische beschaffen- 
heit der verse, 

2. EWilken hdlt auch die strophen von nur 12 zeilen fiir unversehrt und 
meint, da der 13. und 14. vers des letzten absatzes, also 145. 6 nur die an gleicher 
stelle der 4. strophe befindlichen verse 67. 8 wiederholten, sei man berechtigt, fiir 
die strophen 5, 6, 8, 9 den abgesang der 4., fur 1 und 10 den abgesang der 3. 
wiederholen zu diirfen. 

Auch diese ansicht kann ich nicht teilen. es fehlt ganz und gar an analogien, 
dafs eine wiederholung von absdtzen, ein refrain, in handschriften unangedeutet 
bliebe. und was fiir ein refrain ! ein abgesang fur 5 strophen, einer fur 3, w&hrend 
. die beiden ersten strophen ihre selbstdndigeti abgesdnge haben. auch hat sich noch 
ein kleiner irrtum in Wilken's ertirterung eingeschlichen. der erhaltene an fang des 
abgesanges von strophe 10, auf den Wilken seine annahme stiitzt, gehtirt zur strophe 
4, Wilken aber weist der strophe 10 den abgesang der strophe 3 su, zerstdrt also 
damit seine eigene beweisfUhrung. vielleicht gibt eine erwdgnng des inhaltes auf- 
schliisse fiber die entstehung des gedichtes. 

Die erste strophe besteht aus I, II, den beiden ersten versen von III; darauf 
folgen : 

aube der laiden merre! 
10 wainen, clagen muz ich ban, 
sam der freude ni gewan, 
von meinez herlzzen fwerre. 

den abgesang bildet VII. 

Strophe 2 enthdlt zuerst 6 verse: 

Awe der kleglecben not, 
20 daz ich niht heut pfn tot 
von dem laiden mere: 
daz ich armeu lewen sol, 
da von pin ich iamers vol 
von meinner itarchen swerre. 

man sieht leicht, dafs diese verse nur den in 9 — 12 schon mangelhaft ausge- 
druckten gedanken noch mangelhafter, zum teil mit denselben worten, wiederholen. 
25—30 tauten: 

25 ich waz anne fwere gar, 
do ich muter dich gepar 
anne mannes malle: 
daz ich dich alfo fechen muz, 



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14 

da von wirt mir miner puz 
30 meiner ftarken quale. 
25. 6 sind die umgestaltete zweite hdlfte von III. 25 steht hier besonders 
schlecht, da er das 24 vorkommende wort swaere zum ftbmlrufs wiederbringt. 27 
druckt nur in cthnlicher weise aus, was 6 gesagt wurde. 28 lehnt sich an 8 und 
die construction von 29. 30 ist avffaUend dhnlich der von 23. 4. der abgesang 
wird durcli V gebildet. 

die ersten 12 verse der drittm strophe heifsen: 

Johannes, fun, nu hore mich; 
feit ich nimant hau wan dich, 
so hilf mir heute wainen. 
40 groflcr clage get mir not. 
daz mein kint ift laider tot 
, daz klag icb dir allaine; 

da von hilf klagen mir mein kint, 
feit heut alle, di hie fint, 
45 tunt in nit wan ftrafen. 

H iehent, er fei ein pofer wilu. 
und teten fie im anders niht, 
fo muz im mer waven. 
Ich mache aufmerksam, dafs in diesem absatz wieder die construct ionen und 
ausdrucke sehr wenig mannigfach sind. so: wan dich 38, wan strafen 45; feit 
ich han 38, feit heut alle 44; hilf mir 39, hilf mir 43; klage 40, klage ich 42, 
klagen 43. die einleitung des gefolgerten satzes mil da von 43 war schon in der 
zweiten strophe zweimal da. 48 ist wol ganz mifslnngen. der abgesang lautet: 

aube wer 
50 hat fein fper 

also her gestochen, 
daz der dir 
und mir 

daz hertzze hat zerbrochen? 
vergleicht man diese verse mit XII, so kann es wol kanm zweifelhaft sein, welche 
textgestalt fur die dltere gehalten werdm mufs. 

Die vierte strophe gebe ich mit der interpunction M one's: 
55 Lieweu mum und muter mein, 
la dcin wainen frawe fein, 
la dein grozzeu fwerre: 
io wer bir verlorn gar, 
raineu muter, daz ist war, 
60 wi daz niht enwenv, 



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15 

daz er lid difen tot 

und difen piterleichen tot, 

wir wern alle verlozen gar. 

daz er solt erfterben fo 
65 daz waz gedaht allez do, 

e er wurd geporn. 

frawe, fein plut 

daz ift gut, 

daz nit deu welde verdurbe: 
70 da von la fein 

difeu pein, 

e daz wir erfterwen. 
die strophe ist fehlerhaft. nicht blofs ist vers 61 ubelgeraten, v. 63 mufs, sollen 
wir den mit v. 66 correspondierenden reim erhaUen, gelesen werden: 

wir wseren alle gar verlorn. 
aber auch dieser reim genugt nicht, denn nach den entsprechenden stellen der ubrigen 
strophen fordern wir klingenden versausgang. v. 66 ist unvollstdndig. v. 69 mufs 
es verderbe heifsen, soil reim uberhaupt hergestellt werden. doch die strophe hat 
noch andere mangel. 58 und 63 sind fast identisch, ja im letzteren hat sogar das 
reimwort in folge der einwurkung von 58 eine falsche stelle erhalten. auch ist 
die construction des satzes 58 — 63 nicht gelungen. der sinn von 70 — 72 ist mir 
nicht erkennbar. 

Die fiinfte strophe beginnt mit zwei versen, die der ersten hdlfte von XV 
gleich sind. die ndchsten verse tauten: 

75 und also verpunden, 

das wer libftach, 

den ich mir gewinen macb. 
v. 75 ist mir nicht verstdndlich, da es 74 nicht mit im heifst. 76. 7 sind in 
diesem zusammenhange unpassend. die verse 78—84 mthalten IV mit leichten 
dnderungen. 

Von der sechsten strophe halte man die ersten vier verse: 

Ain fwert gehaifen waz, 

do ich muter fein genas 

das fneit mich hie ze ftunden, 

ez gat durch das herze mein. 
neben VI und man wird nicht blofs leicht die Lichtenthaler fassung als die jungere 
erkennen, sondem auch zugeben miifsen, dafs die neue reimstellnng aab nur auf 
kosten der verstdndlichkeit gewonnen wurde. 89. 90 wiederholen 74. 5. 91 — 96 
enthalten eine bearbeitung der verse Flecte ramos arbor alta etc., welche aus dem 
Crux fidelis inter omnes stammen. vgl E 265, 12 ff; P 734 ff und 740 ff. . 



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16 

In der siebenten strophe sind die verse 97 — 99: 

Frawe, ez wart also gedaht, 
e deu werlt burde volie braht, 
daz er fterben folt 
Nur eim wiederhohmg von 64—66. in den folgenden versen 100 — 103: 
100 an ainen galgen als ein diep, 1 
dem deu werlt wer alfo liep, 
daz er fi lofen bolte 
von dem piterleichen tot 
enthdlt der letzte den schon 62 gebraucklen ausdruck. die verse 104—108 ent- 
behren der genugenden verbindvng. sie heifsen: 

daz fpracb felbe der milte got 
105 zu feinnem liebften kinde, 
dar zu ist dein fun erkorn, 
der da von dir ift geporn, 
da von der klag erwinde. 
ist 106 an 103 zu kniipfen? 

Die achte strophe lautet: 

Daz mein kint erplicben ift, 
110 warer got und warer krift, 
daz muz micb immer reven. 
er hat menfchens pildez niht, 
• grofes unreht im gefchiht, 

fie hant in verfpuen: 
115 ich fich in iemerleichen an, 
da von muz ich kumer ban, 
io ift er verpunden. 
ez geschach ni dieb fo we 
mim kinde fi gefchehen me, 
120 vil groz fint fein wunden. 
v. 117 bringt zum dritten male verpunden. 116 enthdlt neuerdings die mit da von 
eingeleitete construction. 118 — 120 lehnen sich an 70—81. 



1 begi'Undet in den s/ellen der cvatigelien: Malth. 26, 55; Marc. 14,48; Luc. 22, 52. 
und denen in welchen vom kreuzigen zwischen den schachern gesprochen wird, dann in 
die hymnen iibergegangen zb. 

tamen est latronibus 

par in passionibus. 
Mone lat. hymn. I 104. \22f. II 137. 139 utw. 



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17 

Ganz erbarmlich zusammengeflickt ist die neunte strophe: 
Swem ie herzen lait gefchacli, 
der klag heut miu ungemach, 
daz ich armeu dulde; 
daz mein kint ertotet ist, 
125 War got und warer Krift, 
gar an Fein fchulde. 
herze, du folt brechcn dich, 
truren, beinen clage ich 
heut und immer mere. 
130 fit ich doch erftenven fol, 
nimer ftarb ich alfo vvol, 
fo heul in meiner fwere. 
124 — 126 tciederholen 109—111; 127 — 132 nehmen, znm teil mit denselben worlen 
die verse 9 — 12 und 21—24 auf 
Die zehnte strophe endlich lautet: 

Fraw, du folt dein klagen Ian, 
durch dich hat er daz getan 
135 und durch di we lit gemaiue: 
ez liulf allez wainen niht, 
vver er als ein pofer wiht 
nit heut erhangen aine, 
fo weren bir verdorwen gar, 
140 raineu muter, daz ift war. 
nu la dein forgen, 
er troft die fel und mich, 
und wil, vrawe, kronen dich 
an dem dritten morgen. 
145 fein plut 
daz ift gut. 
zu v. 133 vgl. 56; zu 137 nehme man 46; 139 und 140 sitid — 58. 59. 
v. 142 ist confus, auch wenn man mit Mone dein far die West; die verse 143. 4 
enthalten tatsdchlidi unrichtiges, denn davon, dafs die auferstehung Christi ah erne 
krOnung Marias (auch nur bildlich) aufgefafst werden kdnne, ist nirgends die rede. 
1 45. 6 versuchen den abgesang der vierten strophe anzufiigett, bleiben aber unfertig, 
nachdem schon 145 ein fiir dm vers nOtiges wort toeggelassen wordenwar. 

Es tcirdy hoffe ich, klar geworden sein, dafs die Lichtenthaler Marienklage mit 
ausnahme der allenthalben vorkommenden versikel das elende machwerk eines stumpers 
ist und dafs an den zalreichen mdngeln durchaus nicht eine auch ah stark an- 
genommene textesverderbnifs schnld tragenkann. dieses gedicht ist nicht die quelle 

3 



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18 

der ubrigen Marienklagen. es fehlen nicht nur eine grofse anzald der beliebtesicn 
klageverse und zwar soldier, die in den von Mone angenommenen liicken gar nicht 
gestanden haben ktinnen, sondern es sind auch die vorkommenden verse hier arg 
zugerichtet, in andere reimstellung gepresst und sinnlos verdndert. zu erwdhnen 
ist noch folgendes. nach der Marienklage sieht, wie auch zb. in E, das bekannte 
Heu nobis internas mentes. auch dieses ist hier nur hdchst mangelhaft aufge- 
zeichnet. von dem quo privamur miserae der ersten strophe irrte der schreiber — 
ob im geddchtnifse oder in der vorlage, ist umicher — ab zu dem oves errant 
miserae der zweiten strophe und setzte in derselben fort, die beigesetzten deutschen 
verse gehen vom schreiber aus und versuchen eine sehr nbel gelingende iibersetzung 
des lateinischen textes. 

Es bleibt, so mOchte ich meinen, urn alle eigentumlichkeiten von B zu erkldren, 
nur eine annahme ubrig. B ist das produkt eines nngeschickten dichters, der die 
einzelnen populdren, in ihrer dufseren form wie im inhalte den absdtzen der 
sequenz Planctus ante nescia nachgebildeten versikel der deutschen Marietiklagen aus 
dem geddchtnisse l zu einem kunstvollen ganzen zu vereinigen wilnschte, das fehlmde 
Abel ergdnzend. es miissen daher auch die vcrsuche PhWackernagels, ergdnzungen 
vorzuschlagen, uberflussig scheinen. bemerkenswert ist noch, dafs die stdrksten 
reimfreiheiten in B sich in den von dem compilator fabrizierten stellen finden. 



Ich habe mich gendtigt gesehen, bei der besprechung von B besonders weitlduftig 
zu sein, um die falsche atisicht, welche jetzt darUber herrscht, grUndlich zu beseitigen. 
ich kann nun des raumes wegen bei den Ubrigen stUcken nicht in gleicher weise 
verfahren, sondern mnfs vorausselzm, dafs dem leser die einzelnen klagen znr 
hand seien. 

C. Obschon C ein passionspiel aus der berilhmten Benedictbeurer handschrift 2 
ist, scheint es doch das nachweisbar dlteste stuck, in welcftem die sequenz 'Planctus 
ante nescia' vorkommt und zwar noch ohne deulsche begleitverse. das stuck ist 



1 dazu sliinml, dafs von der fast ganz aus den allgernein btkannten versen bestehenden 
ersten strophe ab die benutzung des uberlieferten immer schwdcher wird, bis die abgesange 
wegfatien und endtich a lies in k lag lie hen wiederholungen auslduft. 

2 EWilken kennt freilich. ^Miinchner hdss. des xm jahrhunderU t und sagt aao. s. 82. 
k der von Docen und Hoffmann gegebene text scheint auf einer ursprunglich Tegernseer 
h(U. zu beruhen, die aber nur in kleinigkeilen abirrt von der offenbar bessern Benedict- 
beurer* also zwei handschriften der cartnina Bur ana? — leider ist dies nur ein scherz- 
h after irrtum, zu dem EfViiken sich durch eine notiz bei Hoffmann s. 241 und dadurch 
verleiten liefs, dafs bei Hoffmann s. 247. 8 eine kleine umstellung vorgenommen wurde, 
wie denn auch in dessen texle etwa in ein dulzend fallen der indicativ statt des hand- 
schriftUchen conjunctivs sich findet. 



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10 

ziemlkh kunstlos aus den texten der evangelien componiert, die deutschen verse (wie 
das bekannte: kr&mer, gip die vanve mir) sind durchaus volksmdfsig. wahrend 
der kreuzignngsszene heifst es: Tunc veniat mater Domini lamentando cum Joanne 
Evangelista et ipsa accedens crucem respiciat crucifixum'. die 17 deutschen verse, 
welche nun folgen, enthalten zwar durchaus keine eigentumlichen gedanken, miter - 
scheiden sich aber von den iiblichen, sp (iter en Marienklagen dadurch, dafs alle verse 
an das begleitende volk gerkhtet sind. man vergleiche 3. 4 mit 6. 7 unserer sequent, 
14. 5 mit 60. 1. die folgende lateinische klage Marias steht merkwurdigei^ weise — 
man milfste denn fiberkilhn sein — nicht in beziehung zu den deutschen versen. 
mit *dum caput cernu . . .' bricht sie ab und es folgt die oben fs. 10) schon ab- 
gedmckte szene. abgesehen davon, dafs die sequenz hier eine falsche stelle erhalten 
hat — das novum foedus derselben wird erst in der folgenden szene geschlossen — 
ist (inch die aufzekhnung, wie die des ganzen stuckes, aphoristisch und ungenan. 
anf das Mi Johannes hcttte die antwort des jilngers unmittelbar zu folgen, statt 
dessen kommt sie erst nach der wiederholung. zwischen die erste und zweite angabe 
des Mi Johannes ist der Planctus gef&gt, jedesfalls falsch. entweder gehdren an- 
rede und antwort vor dm an fang der alien sequenz, oder, wie ich trotz dem Chris to 
morienti auf Dl gestutzt anznnehmen vorziehe, hinter das ende derselben. wie 
schon erwdhnt, ist keine deutsche bearbeitung beigegeben. defshalb und weil die in 
dem stilcke erhaltenen deutschen verse ein wesentlich tilleres geprage haben als die 
deutschen gemeinsamen klageversikel, halte ich dafUr, dafs diese erst nach C ent- 
standen sind. ob C'den anlafs dazu gegeben, wage ich nicht zu bestimmen. ich 
mache nur norh aufmerksam, dafs schon Docen ( Miscellaneen II 192) als ent- 
stehungsort der sammlung der carmina Burana die Rheingegenden angenommen hat. 

D. Auf die iiberschrift Planctus beate virginis folgt dei* erste absatz unserer 
sequenz. nach der neuen iiberschrift Dum edit ad crucem stehen XIV, XVI und 
eine variante der beiden ersten verse von XV. neue iiberschrift: Cum recedit a 
sepulchro, dann: I, II, III, VI, XII, V, XI, VIII, dann 41—45 eine klage an die 
frauen, die I) eigen ist und XIII. von 50—61 reichen zwei ganz nach dem mutter 
von V und VII gebaute absdtze, gleichfalh D eigentnmlich. es folgen: XVIII, IV, 
XV diesmal v o list dn dig, IX, XVII, darauf der schon oben erwdhnte absatz Mi Jo- 
hannes und von 83 — 96 eine klage, die sich auch sonst fmdet mid hier etwas in 
unordnung geraten zu sein scheint. sie wird noch spater besprochen werden. 

Dieses stuck hat einige sonderbarkeiten. es kdnnte als monolog aufgefasst 
werden, denn nur Maria spricht. doch ftnden sich bestimmte beziehnngen auf die 
ilbliche umgebung. Christus wird angeredet, die verse 8. 9 lassen ihn rufen. das 
Mi Johannes wendet sich an den jilnger, 41—49, 83—96 sind an die begleitenden 
frauen gerkhtet, 25 — 28 dentet wie gewdhnlich auf Longinus. wenn nun die st&n- 
digen interlocutoren der Marienklagen voransgesetzt werden, aber nicht auftreten 



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20 

und sprechen, so kann nur angenommen werden, D set eine Marienrolle, aus einetn 
grOfseren stilckt ausgeschrieben. * dit handschrift, in wtlchtr D aufgezeichnet ist 
(nr. 716 der Milnchntr bibliothtk) enthdlt tin Antiphonarium 4 cum notis musicis' 
und deutscht kirchengesange tbmfalh mil musiknoten. ts braucht demnach keine 
voUstdndige Marienrolle, sondem bios der gesungene haupt(miltel)teil einer solchen 
zu sein. Dum vaclit ad crucem und cum recedit a sepulchro sind anweisungen 
fiir den interpreten der rolle. 

Auffallend ist noch folgendes. nach der einleitung enthalten 10 — 40 eine parlie 
der gebrduchlichen verse, dann folgt eine rede an die frauen, deren schlu/s — man 
darf es allerdings mit der chronologie der vorgdnge in diesen stilcken nicht all zu 
genau nehmen — ob ir vil liebez kint wrer tdt darauf hinzudeuten scheint, dafs 
Chrisli tod bereits er folgt sei. 50 — 82 nehmen jedoch die lyrische klage wieder 
auf, 50 — 64 in D eigentilmlichen versen, 65 — 82 in den gebrduchlichen. nach 68 
wilrde Christus noch leben. 83 ff wenden sich abermals an die begleitenden frauen. 
89 — 96 schliefsen ab. es sind also die gewOhnlichen und einige neue versikel in 
zwei partien geteilt, deren jede mit einer aufforderung an die frauen von Jerusalem, 
mitzuklagtn, ttidtt. also zweimal dieselbe sztnt, wdhrtnd in anderen stilcken dit versikel 
nacheinander folgen und die rede an dit frauen nur einmal trwdhnt wird. ich 
weifs keine bestimmte und sichere erkldrung dafiit. denn daran, dafs zwei ver- 
schiedene klagen hier hinteieinander aufgeztichnet und so dufserlich vereinigt worden 
seien, ist nicht zu denken, weil die gebrduchlichen versikel aus beiden teilen sonst 
immer mit- und nebtneinander vorkommen. es ist mOylich^ dafs Uber dit anord- 
nung dtr gtmtintn und der neuen, nach dem muster der alien angefertigtm, verse 
die mmikalische composition aufschlufs geben kann. ich habt dit handschrift nicht 
gtsthtn. dit vorlagt von D aber war gewifs eine der besten aus den dlteren 
fassungen der klage. 

E und F. Diese beiden stilcke milssen im zusammenhangt btsprochtn werden. 
bevor Grein seine jilngst erschienene ansgabe des Alsfelder passiotisspieles veranstullet 
hatte, konnte eine t genane untersuchung und vergleichung beider stilckt kaum vorge- 
nommen werden, da die angaben Vilmars HZ III 477 — 518 nicht genilgen. Grein 
abei' hat s. Xf stintr tinltitung nur angtgtben, welche partien der Triertr klage 
im Alsfelder spiele sich wider finden, das verhdllnis beider nicht genauer erdrttrt. 

Dit trsttn gtmtinschaftlichtn verse sind E 260, 1—6, F 5906—11 (0 lieben 
kint der kristenheit). aber in E beginnt nach der ilberschrift die klage mit diesen 
versen, in F geht tint lange einleitung vorher, wtlche schon mit 5808 an fang t. 



1 der gebrauch, rollen auszuschreiben, ist nachgewiesen von Picfiler, Uber das drama 
des Miltelalters in Tirol *♦ 15, von Grein, einleitung zur ausgabe des Alsfelder passions- 
spieles s. XIII und an anderen orlen. 



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21 

nach der spielordnung trilt Maria von Joseph de Arimathia und Nichodemns 
gefiihrt auf, Johannes und Petrus halten sich einstweilen abseils, Maria singt den 
vers Lucas 8, 5: exiit qui seminat seminare semen suum etc. und biltet in den 
verseti 5808 — 5819 Maria Salomee, den Johannes zu holen, damit er mit ihr zu 
der martel gehe. nach einer kleinen einwendung 5820 — 23 und der erneulen bitle 
Marias 5824 — 29 bringt Maria Salomee bei Johannes ihre botschaft an 5830 — 35. 
Johannes spriclit zwar befitrchlungen fiber die nutzlosigkeit des utiternehmens aus, 
geht aber doch, nach dem er Andreas l und Petrus gem fen hat 5839 — 47. aber 
nur Petrus folgt. Maria klagt nun 5848 — 57 den beiden in 12 versen, wekhe 
aber fast alle an andern stellen der klagt noch vorkommen. 2 Johannes ant- 
tcortet 5858—63. 5860 lehnt sich an 5841. auch Petrus trMet 5864—77 * 
mit ganz allgemeinen phrasen. 5864. 65 heifsen: 

Maria <lu edele konigin, 

laifs so sere din klagen sin 
5872 und stille die groisBe klage din und 5876. 7 

Dar umb, du zarte konigin 

loiB so sere din klagen sin. 
auch 5866 lehnt sich an 5860. 5841. A/aria antwortet 5878 — 87 und bittet wider 
beide jiinger mit zur marter zu gehen. Johannes verspricht es 5888—91 4 . Maria 
stimmt zu 5892 — 95 und wendet sich znm gauge, indent sie noch die leute segnet 
5896 — 99. Johannes spricht 5900— 5905 ad populum. diese verse nehmen die 
stelle der einleitung, wie sie in OPV vorkommt, ein und sind die offizielle anzeige 
vom beginne der Marienklage. die selbstdndigkeit derselben wird durch diese aus- 
drilckliche einfUhrung bestdtigt. die beschaffenheit der verse, die ganze stellung 
dieser einleitung kennzeichnet sie als produkt des Alsfelder bearbeiters. er empfana\ 
dafs von der kreuzigung zur traditionellen Marienklage ein iibergang nOtig sei, 
damit das einlegen der bekannten verse nicht zu deutlich werde. diesen iibergang 
bewerkstelligt die einleitung. 

Die verse E 260, 1 — 20 und F 5906 — 25 sind gemeinschaftlich und in zwei 
parten, die erste von 6, die zweite von 14 versen zerlegt. mitunter hat ¥ besseren 
text, so tauten 5908. 9 

Ich klage is erden unde steinen 

und der wernde alle gemeinne — 
gegen E 3. 4 Mln klage ist erde unde steine 

und die ganze werlde algemeine — 

1 Andreas ist in der spielanweisung vor 5808 nicht erwahnt. 
4 5853 ist schlecht, denn liep sollle (: diepp) im rei/ne stehen. 

3 dafs die verszalung hier nicht mit den reimpaaren stimmt, folgt zunachst aus den 
drei mit demselben reim (hant: gnant: bekant) ausgestatteten versen 50G9. 70. 71. 

4 5891 ist des reimes wegen zu schreiben: mer woln anders gem mil dir gehen. 



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22 



Johannes und Petrus singen Piange quasi virgo etc. — = Joel 1, 8, in E auch noch 
Plauscrunt super me etc. — Jerem. Thr. 2, 15. daranf folgt in E eine rede 
des Petrus 261, 1—9 

Maria muter unde maget, 

niht en wis also gar verzaget 

an dem lieben kinde din. 

ich wil allezit bt mtnem lieben meister Jesu sin 

und soldich dar umbe liden grozc pin. 

icb wil bi in slichen 

und wil niht von ime wlchen 

und soldich dar umbe liden grftze not, 

ich wolde mit ime £ sterben ttit. 
EWilken behauptet s. 77, nachdem er den anfang von E fur 'aufserst verworren' 
erkldrt hat: f hier finden wir eine Petrusrolle, die erst ein keeker umredactor in 
bezug auf einen spdtern passus in der rolle des Johannes (p. 269, 30 ff) scheint 
voraufgeschickt zu haben: i die verse E 269, 28 — 39 lauten 

wA ist nu hinne Andreas, 

der 6 ein stffiter meister was? 

wA ist nu hinne Petrus? 

der da swur unde sprach alsus: 

solde ich dar umbe liden not, 

meister, ich g£ mit dir in den tdt. 

wA, wA ist nu hinne Jacobus? 

wA ist der werde Philippus? 

wA sint nu hinne die brudermln? 

mflme, wA sint die vriunde din? 

schamet iuch, das ir mich lAzt aleine 

unde die vil werden reine. 
gesetzt, die Petrusrolle ware erst durch diese stelle hervorgerufen voorden, wamm 
denn dann aber nicht auch rollen des Andreas, Jacobus, Philippus? wer kann be- 
weisen, dafs E 269, 28 — 39 alter seien als die ersten verse des Petrus? Andreas 
und Petrus kommen in der einleitung der klage F ebenfalls vor, worauf ich jedoch 
wenig gewicht lege, Petrus auch in 0, ferner beim bruder Philipp 7820 ff mit einer 
weitlduftigen klage. man braucht sich nur an die stellung des Petms unter den 
aposteln, ferner an die worte der evangelien zu erinnem, in denen die berufung des 
Andreas und Petrus erzdlt wird: Matth. 4, 18. 19 Luc. 5, 2. Johannes 1, 35 — 42, 



1 gar nicht verttehe ich die anmerkung daztt: 'dieser passu* erhiill durch den nahen 
bezug zu v. 53 — 56 des hymnut 'Virgo plorans filium' (bei Mone I p. A2ffJ hblwvcs 
gewicht' dort ist ubrigens von Thomas und Petrus die rede. 



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23 

urn zu begreifen, warum gerade diese beiden hier genannt werden. die berufung 
findet sich sogar in X s. 80, von welchem spiele doch EWilken s. 89 seines buches 
selbst sagt, es habe fast atte hauptmomente der evangelischen geschichte aufgenommen 
und X s. 105 folgt Petrus dem heiland von weitem. 

Aber — die verse des Petrus fehlen in F. dies zu erklaren, ktinnte tool tin 
aufserer grund angenommen icerden: die rede des Petrus und die folgende des 
Johannes beginnen mit denselben worten 'Maria muoter unde maget'. Uberlegt man 
jedoch den inhalt der Petrusrede, so \oird dentlich, wefshalb sie in F ausgeschieden 
ururde. Petrus verspricht hoch und tener, bei Jesus und Maria bleiben zu wollen, 
er verschwindet aber und erhi'dt spelter die erwethnte strafrede. er hat sich arg 
blofs gestellt und der bearbeiter in F verfuhr schonend mit ihm. ganz klar ist 
dies dadurch, dafs auf die verse des Johannes 5926 — 35 lit F allein sechs verse 
des Petrus folgenl 

Ganck hen, Maria rein 
und rime din bein! 
du hoist hude gegangen sere 
vor dinem kinde here. 
5940 is bilflet nicht uns klagen, 

das wel ich dir vor ware sagen. 
diese allerdings albemen verse compromittieren den apostelfurstm doch nicht all- 
zusehr und es kann dann ganz gut heifsen 4 Et sic Petrus recedit', was in E 
fehlt wie viele spielangaben. 

E 261, 20 — 27 und F 5942—49 sind gemeinsam. dafs es in E Maria 
can tat plangendo und in F Maria plangit et can it heifst, kann wol nicht in 
rechnung kommen. aber in F herrscht eine eigentumliche auffassung. der unter- 
schied, welcher im beginne der klage geltend gemacht wurde — Maria cantat zuerst 
und dann dicit — wird durchgehends festgekalten. ' da nun in der vorlage eine 
solche einleitung an den meisten stellen mangelt und die Hberlieferten sdtze sich 
selten gut teilen lassen, hat der bearbeiter in F die dicit-sdtee (wenn ich der kilrze 
wegen so sagen darfj frischweg selbst gemacht. sie lassen sich leicht erkennen, da 
sie nur geistlose umschreibungen der cantat-safse sind. solcher art ist gleich der 
nachste 'rigmus* Maria's 5950—57: Johannes frunt, gehe mit mer dan. die 
mahnung an Johannes ist schlecht angebracht, denn Johannes ist sclion den frilheren 
aufforderungen ge folgt und 5942 geht er schon mit Maria. 5953 — 55 nmsdireiben 
nur das bereits gesagte, 5956. 7 sind -= 5948. 9. 

Johannes cantat E 261, 28, 31 — F 5958 — 61, eine kurze erwahnung des 
marterganges, darnach hat F allein 5962 — 71. hier ist die manipulation, durch 



1 dieses streben nach zweiteiltgkett ist in dem a Keren gebrauche begriindet, den 
lateinischen text zu singen, die deutsche bearbeitung hingegen zu sprechen. 



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24 

welche die genannlen vier verse zn zehn anseinandergequetscht aber dock wOrtlich 
wiederholt werden, so deutlich, dafs sie keiner weitern besprechnng bedarf. es folgt 
Maria cantat E 261, 32-262, 2 — F 5972—75, nur in F et (licit 5976—83. 
5976. 7 sind schon in 5906. 7 gegeben worden, 5980. 1 kehren in den interpolationen 
Ofters wieder. gegen 5982. 3 ist trotz ihrer trivialitat nichts einzuwenden, eben 
so wenig gegen 5979. 80. idt meine, dafs man hiei* die einschaltung nach ana- 
logie der ilbrigen fulle annehmen mufse. Johannes cantat E 262, 3 — 6 =» F 
5984— 87. * in F allein dicit 5988—97. auch hier ist aber die ganz offene 
nmschreibung der cantat-verse nichts zu bemerketi. Maria cantat 262, 7 — 10 — F 
5998 — 6001. nach diesern stuckcJien hat F keine umsclireibung mit (licit, sicher 
wegen der inhaltslosigkeit der cantat- verse, die weileres ausdehnen nicht ertragen. 
es hutte eine eigens anzvfertigende composition eingeschoben werden miissen. 

Johannes cantat E 262, 11—14 «- F 6002—5. daranf in F allein mit 
(licit 6006 — 6017, welclie den audi somt in den klagen h an fig erwdhnten gnmd 
der eiidsung besprechen. man sieht leicht, dafs diese 12 vei % se, deren erster = 6003 
ist, nur aus 6004. 5 

hie >veste woil sin groisBe noit 
und sinen hittern doit 
entwickelt sind. das in E als Maria cantat 262, 15 — 22 gegebene stuck hat F in 
zwei teilen: 15—18 = 6018—21 nnter Maria cantat, 19—22 = 6022—25 
unter et dicit. die letzten verse setzen voraus, dafs die beiden leidtragenden stehen 
blieben, als Johannes von der marter erzdlte, und dafs sie jetzt erst auf Maria's 
mahnnng hin weiter schreiten. die spielurdnung in E sagt denn auch nachher: 
tunc vadunt ante crucem. in F folgt nun eine gi^dfsere einschaltung, welche, wie 
die einleitung, den gang znm kreuze weitlduftig bespricht. sie hat drei absutze 
nnter: Johannes respondet, Maria respondet und Maria cantat. davon nehmen 
6026—29 nur 5858—63 und 5888—91 auf. 6030—37 sind zwar nirgends 
wdrtlich entlehnt, durchaus aber ihrem inhalte nach, wdhrend 6038 — 41 wdrtlich 
~ sind 6022 — 25. die ganze einschaltung ist veranlafst durch die verse 6022 — 25, 
welche dem bearbeiter eine dhnliche situation, wie im anfange der klage zn ent- 
halten schienen. 

Die zwtilf verse E 262, 23 — 263, 5 bringt F in drei partien zu je vier 
verseti; die eiste und zweite unter iterum canit (cantat), die dritte nnter dicit 
rigmum. mit E 263, 6 = F 6054 — man mufs sich die verse von nun an 
nnter dem kreuze gesprochen denken — beginnen die bestandteile der allgemein ver- 
breiteten Marienklage. es werden zunddist folgende nummern in E und F gegeben : 
I II III VII VIII (fehlt in Fj2 IX XV IV V, darauf gemeinsam die verse 



1 veroirn fehlt in F 5985. 

2 vielteicht kann dieter mangel daraut erklart werden, dafs der schreiber urn vier 



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25 

E 264, 1 — 14 — F 6080—93, derm vier letzte eine bearbeitung von VI geben. 
E hat das ganze stUck in einem absatz, F in vier teilen. vor 609u steht die an- 
gabe: hie Maria portat pannum sal va tori ipsum cooperiendo. l Post hoc plangit 
manens stare ante crucera. 

Von hier ab zeigen sich in der anordnung des gespr etches starke unterschiede 
zwischen E und F. in E folgt auf 264, 14 die szme, in welcher Jesus dem 
Johannes seine mutter empfiehlt, in 12 versen; darauf eine klage Maria's in 30 
versen 264, 27—265, 24. in F dagegen lesen wir nach 6093 = E 264, 14 
Maria dicit rigmum und die ersten 14 vei^se der klage 2 mit einer beachtenswerten 
variante am schlusse. E 265, 8 heifst: 

Ow£! er enmac, er ist d& hin! 

F 6107: 

So troste raich mit den worten din! 
dann folgt in F mit Salvator cantat submissa voce die szene zwisdien Jesus und 
Johannes = E 264, 15—26, nach 6115 = E 264, 22 mit einem albernen 
zusatz : 

Dit liden und dissen toid 

hon ich von des inenschen noilt. 

Daran schliefsen sich die letzten 16 verse der klage 6122—37 = E 265,9 — 24. 
unzweifelhaft ist die anordnung in F besser und E an dieser stelle in verwirrung 
geraten. die bitte Maria's an den gekreuzigten, er mOge doch zu ihr sprechen 
(wrnn E den ndchsten vers anders liest, so ist dies darin begrundet, da/'s in seiner 
anordnung auf die bitte keine antwort er folgt), wird in F richtig durch Christi 
worte erfiillt. audi schlie/st sich die klage Maria's uber ihre verwaistheit vortrefflich 
an das gesprdch und an das versprechen des Johannes, man kOnnle gegen diese 
auffasmng allerdings einwenden, dafs E 264, 30 auf die rede Christi hinzuweisen 



verse liefer gesehen hat als er sollte und nur den gleichlautenden anfang von IX beriick- 
sichtigle. oder es war in diesen versen der tod Christi in zu nahe aussichl gestellt. in 
I hat F falsches: ein in fiir eiuiu gelesen, bar id en fur wane und anewe fur ane. E hat 
allerdings awe fur a ue, oder aene, wie PhH acker nag el will, dagegen hat F 6078 in V das 
richlige wangen, wiihrend E das falsche augen hat, was Hoffmann und PhH^ackernagel 
beibehalten. die sonsl noch vorkommenden di/ferenzen sind unbedvulend. 

1 vgl. Mari-l, lateinische hymnen, nr 42 aus Fra/ikreich v. 40 ff: 

Mater, panuo quae cinxisti 

ante crucent luinbos Christi, 

cinge nos ad fortia usw. 
sehr wichlig ist diese ceremonie in P. in der predigtlitteratur wird sie haufig besprochen, 
vgl. nur Birlingers Alemannia, l, 230 aus dem Elsass. 

2 G100 heifst in F: von dem, der ie min troist ist gewest. die umstellung, welche 
den reitn (: ungelost) wieder zum vorscltein bring I, ist leichl vorzunehmen. 

4 



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26 

scheine und dafs 265, 8 in F auch ktinnte umgestaltet worden sein; dock wUrde 
dadurch die hauptschwierigkeit nicht anfgehoben. denn auf E 265, 7 = F 6106 
folgt in F richtig die ordnung dieses verh&ltnisses, in E kotntnt der vers zu spat. 
E und F gemeinsam folgen nun: eine mahnrede des Johannes (E 265, 25- 266, 
1 — F 6138—6151), Marias antwort (E 266, 2-9 — F 6152—59) und Christi 
wort: Eli Eli etc. zuerst lateinisch, dann in vier versen deutsch. darauf hat 
F allein: 

Gott vatter schepper min 
6165 war umb vorlisBestu mich in disser pin? 
die nach der nbersetzung in 4 versen ilberflilfsig sind und nur detn vorausgeschickten 
et dicit ihre entstehung danken. die nachste in F allein vorkommende rede des 
Bifus Judeus 6166 — 6171 ist den evangelien entnommen (Matth. 27, 47 Marc. 
15, 35) und findet sich hier, darnit der zusammenhang mit dem passionsspiele niclit 
vergessen werde. 

Es folgt nun wider eine gemeinsame stelle ', nur in F zu zwei stilcken zer- 
legt. wie in E ndhert sich auch in F dann Maria dem kreuze, indem sie singt: 
Anxiatus est etc. ^ Psalm. 142, 4. dies ilbersetzt F allein in 2 versen 6183. 4 
und fugt, da dieselben noch unter can tat standen ein nmschreibendes machwerk 
von sechs versen hinzu. E 266, 27—267, 3 ist « F 6191 — 96, ebenso die 
beiden nachsten verse Christi, denen nur in F eine wiederholnng von 6164. 5 unter 
dicit folgt. 

Die nun zu besprechende partie ist nicht leicht zu Ubersehen. E hat zundchst 
eine gro/se klage Marias 267, 6 — 268, 4. dieselbe findet sich in F, abei* in zwei 
teilen. nach 6216 == E 267, 23 hat F: Et sic cadit in tenam et erit aniens. 
Tunc salvator canjt lercium 4 Hely' ut supra: 

Is muB an mer vollengan, 
das die propheten vor gesworen han. 
und: Maria iterum canit: we, o we, ich horet einen ruff, ut supra. Deindc 
dicit: und es folgt der zweite teil = E 267, 24 — 268, 4 mit neuer anrede. die 
trennenden verse bringt E darnach 268, 5. 6. was nun in, E folgt 268, 7 — 12, 
findet sich in F spater. gemeinschaftlich sind E 268, 13—20 — F 6234-41 \ 
F hat nun die mit E gemeimamen stellen in folgmder ordnung: 
a 6142—53 = E 271, 4 15 
b 6254 -57 — E 271, 20—23 
mit differenzeu in dm beiden letzten versen. darauf in V eine eittschaltung : 
die juden Amalecb und Bifus reichen Christo den e$siggetrankten schwamm 
6258—67. 



1 erweitevt zttm teil XVI und nimmt zum andern teil verse der einleilung wieder auf. 
a vgl. Matth. 8, 20. Luc. 9, 5S. 



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27 

c F 6268—71 erweitert E 271, 24. 5 
wozu in F noch ein zusatz von 2 versen 

In din hemic, vatter min, 
bevelle ich den geist min. 
die in E mit unrecht fehlen. 

Nun folgt in F eine grofse zum passionsspiek gehdrige einschaltung. Satanas 
und Lucifer — tit der spateren interpolation 6320 — 5 1 sogar Luna und Stellae 
— sprechen von 6274 — 6319. t;ott 6352—6395 reicht die Longinusszene. nun 
folgt und an der rechten stelle: 

d F 6396—6401 — E 268, 7 — 12 = XII 

c F 6402—6437 = E 268, 21—269, 27 

f F 6438-57 in E unter cantat 269, 28—37 und unter dicit 

270, 1—8. 
g F 6458—61 — E 270, 31—271—3 
tit E sind die reden atieinatidergefugt in der ordnung: d e f g a b c. zwischen 
a und b hat E X, was in F nach g folgt. 

Die ordnung in F ist die naturliche und richtige, selbstverstandlich ist von 
den interpolationen abzusehen. d = XII bekommt erst sinn, wenn die in E ganz 
fehlende Longinusszene schon gehdrt worden war, e die klage Marias ist ausdruck- 
lich ah nach dem tode Christi gesprochen zu verstehen, ebenso der erste teil von f, 
der rede des Johannes, umgekehrt passen die worte des erUsers in E nicht an 
stellen, denen verse vorangingen, in welchen sein tod vorausgesetzt wurde. die ftber- 
lieferung, aus welcher E schdpfte, war somit eine schUcht geordnete und lilckenhafte. 
Der zweite teil der rede des Johannes F 6450 — 57 — E 270, 1 — 8, eine klagende 
frage an den erldser, hat in E ilble verwirrung hervorgerufen. diese frage bedarf 
keiner antwort und drilckt nur den wunsch des jilngers aus, mit Christo zu sterben. 
der compositeur von E jedoch hat schlecht verstanden und ohne rucksicht darauf, 
da/s die ermahnung Christi an Johannes schon 264, 15 — 26 vorkommt, die ganze 
szene nochmals 271, 9 — 30 neu hinzugedichtet und zwar sehr klaglich. die verse 
11. 12 lauten in der handschrift: myner lieben muetter huter Eyn hueder der 
lieben moder myn\ was Hoffmann in 

miner lieben muoter huoter, 
ein huoter miner lieben muoter 
PhWackernagel in 

Myner lieben muetter 
eyn getruwer hueter 
gebessert hat. ich mdchte jede dnderung filr unndtig halten und glauben, dafs die 
schlechtigkeit dieser verse ein beweis mehr fur den spdten ursprung der interpolation 
sei. — die verse 15. 6 sind -= 264, 19. 20, auch 17—26 geben nur 264, 23—26 
auseinandergezerrt wieder. Marias antwort 27 — 30 ist ihrer ganz unwHrdig und 



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28 

stimmt gar nicht zu dem spateren X. viel angemessener driickt sie sicli dock 
272, 11 — 14 aus. nacfi X hat ¥ wieder eine einschaltung 6464 — 74, die rede 
des centurion F 6475-78 =■ E 271, 26-29 sind — XVII. 2 den schlu/s 
der klage hnben beide stUcke gemeinsam in drei absatzen: F 6479—6496 =■ E 
272, 1—16. 

Hiemit endigt die Ubereinstimmung zwischen E und F. die darstellung der 
resurrection ist in beiden vollstandig verschieden und beruht auf differierenden 
grundlagen. — das verlutltnis von E zur Marienklage in F ist folgendes : der text 
der vorlage war E und F gemeinsam, aber E hatte ein schleclues exemplar, das 
vielfach in unordnung geraten, wahrscheinlich anch jilnger war. der mittelhoch- 
deutsche text bei Hoffman, den ich als den gewdhnlich citierten beibehalten habe t 
darf nicht fur E einnehmen, denn er ist gegen die handschrift hergestellt, wie der 
abdruck desselben bei PhWackernagel zeigt. 

G. Ich halte die angaben Weigands s. 549 nicht fUr hinreichend, um daranf 
hin Hber das verhaltnis von F zn G bestimmt urteilen zu ktinnen. gewi/s aber 
ist, dafs nach der notiz: 4 das stuck der Grofser iamer vnd klage anfangenden 
langen Marienklage, welches nach HZ hi, 479 in der Als f elder handschrift amge- 
lassen ist, fehlt in der Friedberger handschrift nicht' G dem texte von E niiher 
steht als dem von F. oder sollte der bearbeiter von F aus dem stUcke, dessen aus- 
zug G ist und das anch ihm vorgelegen, die irrtUmliche wiederholung der szene 
zwisclien Jesus und Johannes geslrichen haben, wdhrend G sie beibehielt? die erstere 
auffassung wilrde dadnrch nicht wiederlegt, dafs G und V die fassnng : herze brich, 
swerl nu stich gegen das in E vorhandene: herze brich, kint nu sprich gemein- 
sam haben. entsdieidung ktinnte erst durch genauere kenntnis von G gebracht 
werden. 

II. Die nahe verwandtschaft dieser dirigierrolle mit G, folglich anch mit 
F und E ist nnzweifelhaft, obgleich in nicht nnwichtigen dingen bedentende diffe- 
renzen herschen und auf hohes alter der quelle von H deuten. jedes falls ist die 
Marienklage hier ganz anders behandelt worden als in F und G. nach der angabe 



1 fehlt nach 6409 ein vers? 

2 F 6475 heifst eg min schepper ist toid (E 271, 26 er ist tot), wet/ vorher der cen 
turio gesprochen hat, in E aber Chris tus. die lelztere version scheinl mir die richtigere. 
alter dings wilrde dann vorausgeselzl, dafs die slelle sich an die lelzlen worle Christi un- 
mittelbar anzuschliefsen habe. daranf scheinl audi D hinzuweisen. — F 6478 in inineni 
hercen, E 271, 29 aleine. — E 271, 29 aleine. — E 272, 4 heifst es : nu svvic ! sich! die 
handschrift hat: nu fwych fych. in F ist swic aus gefal/en. - in V rede/ Johannes Maria 
meist mit muoter an, in C mit muome. — der letzlc ahsatz der klage in EF bildel, wenn 
man im 4. verse vor judenschar noch ein adjeclivum einschaltet, eine Aibelungenstrophe. 



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29 

s. 150 wird von Maria znerst gesagt: iam panno circumdabit Jhesum. wdhrend 
die soldaten um Christi kleider wurfeln, lieifst es dann: statim dicat Maria An we 
mir innecliche an we. nach dem gesprach mit dem schdcher lesen wir: Cum liec 
dixerit Jhesus aspiciens matrem eius dicat Mulier ecce filius tuus. 

nu sich vrouwe muter min, 

din sun sal nu Johannes sin. 
item dicat Johanni 

Johannes nim in lieber gir 

Marien nu zu mudir dir. 
nach dem tode Christi folgt die szene mit dem centnrio und dann die des Longinus, 
nach welcher es s. 151 heifst: l Et Maria mater Domini planctum incipiat qui 
sequitur: Anwe mir armen etc. Maria post planctum dicat: Ey cruce!' es folgt 
die grablegung, bei der Maria nicht erwiihnt wird und die auferstehung. aus diesen 
angaben ist zu schliefsen, dafs die Marienrolle dieses stiickes unbedeutend war, ein 
gesprach mit Jesus und Johannes nictu enthielt und auf eine dnrch incipiat plane- 
turn angezeigte lyrtsche klage beschriinkt wurde. bestimmte nachweisungen lassen 
sich fur die citierten anfangsworte durchaus nicht geben. auch das Ey cruce kann 
nicht mit sicherheit an das sonst vorkommende Flecte ramos arbor alta geknnpft 
werden. 

H steht hier mit einer eigentumlichen, (dlteren und) armeren fassung allein 
gegen E, F und G. 

I beginnt mit einer anrede des Johannes an die volksmenge (EFOPV). Maria 
bittet den Johannes in 4 versen, sie an die stdtte der kreuzigung zu filhren, 
Johannes antwortet gleichfalls in 4 versen, welche erwahnen, dafs Christus ans kreuz 
geschlagen worden sei. es folgt XIV, dann Jesus can tat: Eli etc., daranf s. 282, 
I — 12 eine klage Marias, davon sind die beiden ersten verse = XVI, 6 stammt 
aus XV, 7—10 stehen iihnlich E 262, 27 — 263, 1. die beiden ersten der folgenden 
4 verse sind = E 262, 9. 10. Johannes antwortet 4 verse, die ich mit aus- 
nahme des letzten, der -= ist E 267, 6 — 8 sonst nicht nachweisen kann. Maria 
can tat nun 282, 21 — 23 drei verse, zu denen man E 264, 3/* vergleichen m6ge. 
Jesus ilberantwortet nun in den einfachsten worten 24—27 Maria dem Johannes, 
darauf antwortet Johannes 283, 1 — 3, was an E 270, 19 /f gemahnt. es folgen 
Marias verse II III (I fehlt), dann Mi Johannes planctum move mit einer fiber- 
setzung in 8 versen, worauf Johannes spricht: 

Maria stella maris 

cur tarn grave contristaris etc. 
der erste vers ist auch sonst bekannt (Kehrein Lat. sequenzen nr 260), aber soil 
damit eine wene fortsetzung des Planctus ante nescia angedeutet werden? in C 
lautet des Johannes antwort anders. 



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30 

Man sieht, dafs diese klage Uberaus einfach ist, nur ein kleines stiick von den 
gemeinsatnen versen enthall sie. auch die worte Christi sind auf das ndtigste be- 
schrankt. an tnehreren stelkn findet anffallende Hbereinstimmung mit E statt. in 
welchem verhdltnisse stehen nun die beiden stucke? ist I eine verkurzte, verstiimmelte 
bearbeilung von E, oder E eine erweiterte von I oder — und dies dilnkt mich 
das wahrscheinlichste — ist I aus einem stiicke verkurzt, welches fUr E (ob direct?) 
vorlage gewesen war? die handschriften von I und £ stammen beide aus dem 
xv jahrhundert. anf einen umstand will ich aufmerksam machen: I enthalt unter 
31 reimpaaren folgende sechs nngenaue: slat: hAst 281, 9; stimme: klingen 
282 3; Awe: gen (inf.) 282, 11; rcinc: beide 282, 17 ; henget: rennet 282, 21 ; 
enwil : bevilh 282, 26. — E dagegen unter 200 reimpaaren 27 migenaue, darunter 
12 mit nberschlagendem n, 4 mit lunge und kiirze des vocals und nur 11, die 
hier in betracht kommen konnlen. also ein verhdltnis der nngenauigkeiten wie 
2:1. sind nun diese nngenauen reime in I als fruhe oder spdte rohheiten auf- 
zufassen? ich mifchte glanben als friihe und I filr weit alter denn E halt en. 



Die eben besprochenen stiicke bildeten mit E eine gruppe. die reiht, welche 
ich nun vorzufuhren babe, vereint eigenlnmliche verse der stucke D und E. daraus 
darf freilich nicht gescMossen werden, dafs D und E in ihnen zusammengearbeitet 
seien. da D nur der mittlere teil einer grfifseren Marienklage ist und die verse, 
welche in den folgenden stucken als E eigentumlich bezeichnet werden, durchaus in 
den anfang der Marienklage gehdren, so ist es mfiglich, in der volhtdndigen vorlage 
von D die quelle, dieser stiicke zu selien. die D eigentumlichen verse finden sich 
dagegen in der mitte t im verlaufe der stiicke, sie sind in E fortgelassen oder urn- 
gearbeitet worden und wir miifsen daher diesen stucken ndhere verwandtschaft zu 
D als zu E zuschreiben. allerdings ktinnte, was mir aus mehreren grunden jedoch 
nicht wahrscheinlicli ist, auch angenommen weiden, die D eigenen verse seien zutat 
an stelle der fortgelassenen verse aus E; jedesfalls bliebe das verwandtschaftsver- 
haitnis von LMNOP zu D und E dasselbe. 

Ich schiebe vorher ein stuck ein, welches nicht zu den Marienklagen im engeren 
shine gehort, aber wegen iibereinstimmnn'g einer stelle mit F und L merkwiirdig 
und den iibergang zu macheti geeignet ist. K ist die grablegung Christi des Matthias 
Gundel finger aus Luzern und stammt aus dem jahre 1494. im anfange ist die 
handschrift mangelhaft, wie Mone s. 119 angibt. leider erwdhnt er nicht, wie viele 
bldtter elwa fehlen ktinnen. die ersten 30 verse bilden ein gesprdch zwischen Maria 
und Johannes (gehdren die ersten 4 verse dem Johannes oder einer der drei Marien ?), 
welches sich stark an die gewdhnlichen verse der Marienklagen lehnt. es kann 
daher vermutet werden, dafs der grablegung, welche mit v. 31 beginnt, wie in 



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31 

BEO eine Marienklage vorangieng. die grablegung scheint selbstandig bis auf tint 
sonderbare stelle. Maria spricht zu Johannes 199—202. 

Johannes thfl, was ich beger, 

gib mir min todes kind daher, 

laufi mich es bandlcn also toud 

und kUssen fine tiefen wunden rout. 
diese verse sind fast wdrtlich gleich F 6671 — 4. nach einigm worten des Johannes, 
die in K die bitte enthalten den leichnam der Maria zu bringen, in F die abnahme 
vom kreuze anzeigen, wird Marien der leichnam in den schofs gelegt. sie kUfst das 
hlutige haupl und klagt 209— 236. die drei ersten verse lauten: 

BiB wilkomen, toudter lychnam zartl 

wen auch naucb diner menschlicher art 
die beiden ersten in F 6703, 4: 

Bis wilkom, ein 1 ich am zart, 

Gehorn von miner mentschliches art I 
in L 287, 1. 2 

Bis mir wilkumen, lichnam zarl, 

gehorn von juncfrOulicher art. 

die ilbereinslimmung zwischen K und L hat hier schon ein ende 1 . dagegen mit V 

geht sie noch fort. F 6705. 6 die reime uBerkorn: gehorn, hier 211. 12 gehorn: 

verlorn. K 213. 14: 

grouB frOud wart mir da offenbar, 

da ich dich maget hie gebar. 
- F 6707. 8. K 215. 6 sind eingeschaltet 9 dann aber 217—220 

nun sich ich an dir, sune min, 

das mir naintz hringt dann grousse pin; 

war ich dich ker oder wend, 

so sich ich grouB laid on end. 
fast wdrtlich in F 6709 — 12. hier endet die wOrtliche iibereinstimmung in dei- 
rede Marias, die antwort des Joseph hat in K und F denselben gedankengang. 
nur die rede des Johannes K 237 — 40 stimmi fast wdrtlich zu F 6769 — 72. was 
somt noch als ubereinstimmend bezeichnet werden kdnnte, beruht nur auf der 
gleichheit der situation. Gundelfinger hat also F oder vielmehr dessen vorlage gekannt. 

L. Die untersuchung dieses stUckes wird leider dadurch erschwert, das Bartsch 
in seinen schatzbaren mitteilungen sich zu sehr besclirdnkt und manches, das zu 



1 allerdings scheinen F 6733^ und L 2S7, 13^" noch zu slimmen. allein beide ver- 
sikel stehen in so verschiedener verbindnng und die phrase, welche sie enthalten, ho mint 
auch sonst so oft voi% dafs ich nicht wage, hier verwandtschaft hestimmt anzunehmen. 
in K 285, t sc F 6464 ist die iibereinstimrmmg nur durch benutzung derselben bibel- 
stelle begrundet. 



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32 

kennen sehr wiinschenswert ware, fortgelassen hat. ich berucksichtige nicht das 
passionsspiel selbst, sondern nur die Marienklage in demselben und vernachldssige 
aufserdem noch, zum teil mit Bartsch, die stellen, welche des passionsspieles wegen 
in die alte klage eingeschaltet tour den. — der zweite spieltag schliefst mit einer 
rede des conclusors, in welcher s. 280, 3. 4 zwei verse vorkommen: 

der muoz sin gar versteinet, 

der hiut den tac ni|it weinet usw. 
die sick in F 5979. 80 und Vs. 120 wieder finden. am dritten spieltag gibt es 
zunachst ein gesprdch Marias mit ihrem 4 eham' Johannes, wdhrend Jem das kreuz 
aufgelegt wird, klagen die drei Marien. schon dieser umstand weist das stuck 
unserer grnppe zu. von Johannes benachrichtigt, geht Maria ad locum stationis 
und singt (mit musikzeichen) XIV. audi Johannes klagt (?). Maria singt vier 
verse === E 261, 32 — 262, 2. die nachsten viei' verse des Johannes sollen tool 
E 261, 28 — 31 wiedergeben. Finito Maria dicit vier verse, die aus den vorher- 
gehenden componiett sind. Johannes respondet vier verse, die aus E, 262, 1 1 ; 
5. 6 ztisammengearbeitet wnrden. x das ndchste gesprach Marias und Johannes 
282, 1—8 lehnt sich glekhfalls an E 262, 18. 19; 13. 44. die verse Marias 
5 — 14 finden sich nicht in E. alt sind auch die verse 283, 1 — 8. es folgen nun 
unter incipil plangere mit noten: I II III. die verse des Caiphus und der Maria 
20 — 35 sind spat, dagegen klagt Maria, nacltdem die soldaten fiber* die kleider 
gewurfelt haben XV V IV. Jesus empfiehlt dem Johannes Maria und dieser den 
Johannes, darauf VI. die verse des Johannes 284, 1 — 16 sind nicht alt, wenn 
auch 5 — 12 nur atis der Marienklage umgearbeitet sind. Deinde plangit Maria 
Gantando 17 — 26 -=» D 41 — 44. der erslen hiilfte von IX und einem bruchstuck 
von D 76. 7 nach Finito dicit folgen 6 verse, der reihe nach =- D 83. 84. 2 
96. 92. nach dem tode Christi 285, 1 — 12 nnten = XI XVII und dann V, diesmal 
aber in einer bearbeitung, welche die ursprungliche form aufhebt. nach der szene 
mit Longinus singt Maria XII X mit einer eigenlilmlichen variante und VII. die 
verse 19 — 32 finden sich im Monesclien druck des spiegels (aao. s. 227) 525 — 34 
und 559. 60 ich spreche nocli sputer darubej'. die klage Marias, als Christm vom 
kreuze abgenommen worden, habe ich schon fiiiher erwiihnt. die folgenden verse 
des Nicodemus sind nicht alt,' 3 dagegen sind die verse Marias 287, 33 — 47 alt 



1 i7/i letzten verse hat die hands ch rift than, wax Bartsch fur einen versuch des bear- 
betters halt, den ihm ansliifsigen riihrenden rehn hAii: IiAh (= hdheiO wegzuschaffen, 
all ein E zeigt, dafs /tier sl5n hiitte stehen sollen. 

2 beidiu gr6z unde ouch kleine ist nur eine schlechte fassung. 

3 wenn Bartsch seine behauplung, das JSicodewnssluckchen sei alter, auf die verse 
31. 2 slulzi, die bei Pichler s. 57 vorkommen, so ist dies keine sichere sliilzc, denn diese 
beiden verse finden sich 7iichi nur an gam fremden stellen F 6585 /", 6593/' vsw. — 
sondern auch gam hdufig in legenden. 



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33 

und geben (besser gvordnet) folgende verse von D wieder: 83. 84 (zum 2. male) 
85. SO. 94. 95. 96. 90. 91. 92. 93. 87. 88. 89. damit endigt die Marienklage. 
ich mufs noch erwuhnen, dafs die auferstehungsszene manches tnit den entsprechen- 
den versen in E nahe vencandte hat, obschon auch dies in mangelhafter und nn- 
genauer avfzeichming. 

Gmndlage von L war sicher D, aber auch auf E, also tool auf eine vorlage 
=-= D -|- E kommen beziehungen vor und endlicli ist ein stilck aus dem spiegel auf- 
genomtnen worden. — Bartsch nimmt s. 296 an, dafs im dritten teile von L zwei 
Marienklagen, eine ober- und eine mitteldentsche znsammengearbeitet worden seien. 
es werden reime fiir diese differcnz angefUhrt, aber, wie ich meine, nicht in zwingen- 
der weise. warum soil 281, 14 nicht klagen geschrieben werden? 281, 18 h&n — 
hdhen habe ich weggeschafft. dafs verse wiederholt werden, braucht nicht auf zwei 
quellen schliefsen zu lassen und kommt in den meisten klagen vor. ich mdchte 
meinen, Bartsch sei dadnrch, dafs er die tradition zwar bruchstUckweise aber nicht 
im ganzen Hbersehen hat, zu dieser hypothese veranlafst worden. 

M. Dieses stUck steht in ganz engen beziehungen zu L. Maria spricht 1 — 12. 
1. 2 gestalten 92. 3 urn, 3. 4 erinnem an III, 5—8 sind — L 281, 11—14, 
9. 10 = XVI, 11. 12 entsprechen der ersten hdlfte von XV. die nachsten vier 
verse gehOren • offenbar dem Johannes, sie sind =■ E 261, 28 — 31, also genauer 
ah in L. in dem nun folgenden , gesprach zwischen Maria und Johannes mahnen 
nur die verse 30 — 34 an L 282, 1 — 4, die worte des Johannes 35—38 und die 
beiden ersten verse Maria's 39/" sind — L 282, 5 — 10. M 41 — 54 sind dem 
stucke eigen, bemhen jedoch wenigstens in ihrem letzten teile auf sonst vorkommen- 
den versen D 85 #* L 287, 9. 10. die verse des Johannes 55 — bS-sind Ubel 
zngerichtet und es ist nicht zu erkennen, ob sie auf bestimmte vorlagen zurftck- 
gehen. nun beginnt die lyrische klage Marias. 59 — 62 sind = den am D stam~ 
menden eingangsversen, die auch in L sich finden. 63 — 82 bearbeiten durchaus 
bekannte gedanken. 83 -106 sind -= I II HI XV V IV. 106 -116 enthaltm in 
der kurze, was E 268, 21 — 269, 27 bringen. es folgen VI XII X mit der variante 
von L, und VII. sodann die stelle des spiegel, welche in L aufgenommen ist bis auf 
die beiden letzten verse; sie reicht in M von 135 — 146. in M aber dauern die 
citate aus dem spiegel fort. 147 — 162 sind — spiegel 537—552. 553. 4 werden 
weggelassen. M lf>3— 172 sind -~ spiegel 555 — 562, wobei nur M 165. 6 ein- 
geschaltet sind. dawn folgen 173—176 - XI; 177—180 = E 266, 27—267, 3; 
181-184 = VIII; 185—188 =» XVIII. » es folgen nun in den versen 189—214 

1 diese nummer ist nachgebildet den versen: 

moreris et morior 
cruciaris crucior, 



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34 

die verse des spiegel 567— -570, 585—588, 591—598, 621—630 ; die vier letzten verse 
variieren nur das vorhergehende. M 215 — 266 enthalten, mil ausnahmevon 217 — 220, 
die sonstigen Johannesversen nachgebildet sind. und 241 — 248, { die in den gewdhn- 
lichen phrasen das versprechen der himmelfahrt Mariens wiedergeben, die verse des 
spiegels: 647. 8, 657 -<78, 655. 6, 709—724, die letzte partie mil leichten ande- 
rungen. die antwort des Johannes 267 — 278 ist nur den ausdrUcken der rede 
Christi schlecht nachgebildet. die letzten worte Christi erweitem die verse des 
spiegels 781 — 786. hierauf noch eine kleine rede Marias 291 — 303, bestehend aus 
XVII IX und drei mislungenen, hier ganz unpassenden schlufsversen. 

M ist somit eine fortbildung von L in der weise, dafs die contamination der 
alien Marienklage mit dem spiegel stark erweitert wird — von den 303 versen in 
M gehdren 112 wOrtlich dem spiegel, etwa 30 sind daraus bearbeitet. 

N gehtirt gleichfalls zu dieser gruppe. Schultz hat die drei bruchstucke dieser 
Marienklage — denn einer solchen gehdren sie an und nicht einem passionsspiele — 
in der ordnung B l B 2 A 2 abdrucken lassen. B 1 enthult znndchst fehlerhaft die 
beiden verse des Johannes = E 265, 25/", die audi in B T U vorkommen, zwei- 
tnal hintereinander. l die ndchsten verse des Johannes 5 — 8 setzeu voraus, dafs 
die szene mit Jesus schon vorHber sei, Maria dicit 9 — 13, was teils dem voran- 
gegangenen enlnommen, teils aus den in E spelter eingeschobenen iwsen 270, 21 — 26 
zusamtnengestoppelt ist. es folgen XV IV XII, alles verstummelt. B- enthdlt 
zuerst 6 verse, die ich nicht nachweisen kann, derm einzelne ansdrucke aftei' sehr 
hclufig sind. 7 — 12 sind -= X aber mit der L und M eigenen variant e, welche 
filr die veiwandtschaft entscheidet. zundcJist 13 — IS =- V und dm eben vorhin 
in M aufgezeigte E 266, 27-267, 3. dann XI. Jhesus can tat: In manus tuas 
domine commendo etc. davon folgt nun eine deutsche iihertragnng y die ganz ver- 
stummelt ist t aber doch noch deutlich auf den spiegel weist. die verse 781. 2 sind 
benutzt und der rest 4 von mir haben' ist tool durch den fiberhaupt elenden schreiber 
aus dem *mir nahet' spiegel 786 veiunstaltet. in den reslen der 3 ersten verse von 
A 2 sitid 2. 3 — M 43. 44, 4—7 = IX, 8—12 = XVII mit dem M eigen- 
tumlichen zusalze. es folgt I und das ndchste lehnl sich an E 269, 2ff. 

N war also eine compilation ganz in der art von M und mit demselben uiid 
L enge verbunden. ob es aus einer (mit kleinen verschiedenheiten ausgestatteten) 



pateris et palior, 
tecum volo mori, 
//?> in dem bei Mone I, 42 mitgeteilten Planctus die verse 17 — 20 aiismac/ien. 

1 aber anch hier sind 243. 4 =* spiegel 649. 50. 

2 wenn man nicht elwa annehmen will, dafs sie das erstemal zu einem can tat- das 
zweite mat zu einem (Wv'it-stiicke gehiiren. 



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35 

handsckrift von M selbst geflossen ist, wage ich nicht bestimmt zu behaupten. 
LMN bilden die btihmisch-schlesische gruppe. 

OP. Ich hebe sogleich hervor, dafs diese stilcke mehrere ihnen eigene verse 
gemeinsam haben, so dafs also auf eine vorlage fiir beide gescUossen werden mufs. 
37—40 lauten: 

Johannes, min vil leve 6m, 

wat is, dat d&r hanget an dem b6m? 

wer isset, eyn minsche edder ein worm? 

it windet sik unde drivet groten stonn. 
P 185—188 dagegen: 

See Johannes leve 6m, 

wat ye gehanget vor uns an den b6m? 

ys yd enn myntsche cdder enn worm? 

id wyndet sik iu den neghelen undc drift groten storm. * 



47—50: 



Wenet, gy truwen swesteren (min) 
un helpet my armeu tr6rich sin, 
helpet my klagen min leid, 
min n6t de is worden breit 
unde mines herten ptn. 



P 248—252: 



Weynet, gy truwen susteren myn, 

helpet my armen drovych syn 

unde klagen myne not. 

Myn kummer ys worden grot 

umme mynes kyndes dfit. 
ferner 41 P 772, 41/" P 190 f 164/f P 305 ff. die lateinischen verse 
Heu quantus luctus etc. hat nach 50, P 257 ff, Nam auctor lucis O nach 67, 



1 Psnlm 21, 7 vgl. in Grirshaber's deuUchen predigten II, 122: Ego sum vermis non 
homo, er sprichet ich bin ain wurm und tiitit ain mensch nsw. in einem spa ten hymnus, 
Mone lat. hymn. II, 137: 

Recordare quod ut vermis 

ligni tener et inennis 

in altum erigitur. 
bemerkenswert scheinen die ahnlichen stellen im ailtm Passional Hahn 72, 6^*. 78, 9. 10 

6 w£, do wart im s6re w£, 

wande in betwanc ein herter sturm, 

daz er sich want als ein wurm, 

der da gespizzet waere. 



auch E 267, 14. 5. 



5* 



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36 

P 281/7*. P hat 734 ff mehrere verse aus Crux fidelis inter otnues, in heifst 
es wetiigstens: Hie incipit ludus passionis domini uostri Jesu Christi et debet 
cantari post crux fidelis etc. 

Aber die ilbereimtimmung zwischen nnd P erstreckt sich nicht wetter, als 
die angefuhrtm stellen dartun. die anlage beider stiicke ist verschieden. hat 
keine spielordnung P eine sehr genaue. nach ein paar in musik gesetzten bibel- 
versen hat die von Johannes gesprochene einleitung von zehn verseti nnd versetzt 
dann sogleich mitten in die sache dadurch, dafs bis zur ersten gemeinsamen stelle 
ein gesprdch zwisclien Maria und Johannes in 26 versen gebracht wird. 13. 14 
nehmen Christi worte anachronistisch voraus, 19 — 21 sind = M 35 — 38 und sehr 
ahnlich L 282, 5—8. von der rede Marias 22—35 ftnden sich 22. 3 in M 39. 40, 
24—27 in M 49- 52, 28-33 im spiegel 547—552, vgl. audi K 267, 22—25. 
in P dagegen erOffnet (wie in \) die klage Johannes' mit einer weitlduftigen genanen 
erzdhlung vom leiden Christi in 129 versen, knilpft daran ein pater noster nnd 
eine kurze ermahnung an das volk. von 132 — 184 wdhrt das einganysgesprdch 
zwischen Johannes und Maria, welches 169 — 175 bruchstneke von XIV und XVII, 
181—184 ankldnge an E 267, 26/" eiuhdlt. schon 132 ftndet sich: Anxiatus est 
iu ine spiritus meus (Psalm 142, 4j, was in erst nach der gemeimamen stelle 
folgt. 144 wird psalm 6, 3. 4 von Matia angestimmt. in der Johannesrolle ist 
ganz eigentumlich das moliv, dafs der evangelist sich furchtet, Christum zu verralen, 
wie Petrus es getan hatte. Maria mufs ihn deshalb besonders ermahnen. nun die 
schon citierte gemeinsame stelle. 

Im aufbau des folgenden st&ckes weisen und P die grdfsten verschiedenheiten 
auf. vor allem ist um vieles dilrftiger als P. Prima und Secunda Maria 
treten in sogleich auf, in P erst nach einem gesprdch mit Jesu 257—298. in 
folgt darauf eine ganz eigentilmliche, sonst nirgends vorkommende szetie. durch 
die neumierten verse 83 — 116 bittet Maria Christum, dafs er den sundem vergebe. 
117 — 126 weigert sich Christm, die. erneute bitte Manas 127 134 gewdhrt 
er 135 — 138. darnach unmiltelbar die worte Christi, mit denen er Maria dem 
evangelisten anvertraut, was in P erst 520-526 und 55S — 566 steht. Jesus 
stirbt in sogleich 160. 1, Maria spricht die erste h&lfte von XVII nnd es folgt 
ein klagendes zwiegesprach zwischen Maria und Johannes 164 — 249, worin Maria 
aUerdings 207 f ^ 139/" 

Eia, herteleve kint, uu (prik, 

weme bevelestu uu mik? 
= M 213. 4 Christum fragt, sogleich darauf aber mit ihren worten 214. 5 

Nu hebbe ik elende maget 

alien mtnen trdst an minem arm, 

nu bin ik leider also arm 

an duflem elende 



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37 

in verbindung mit der anordnung: sumit crucem iu brae hi urn den tod des erldsers 
voraussetzt. 250 — 259 klage des Petrus daruber, dafs er Christum verldugnete, 
260—297 klage der Maria Magdalena, Nichodemus 298-307 und Joseph 314—325 
raten, Christum zu begraben, worauf Maria 30S — 313 ablehntud, 326—329 sh- 
stimmend erwiedert. es folgt nun eitie grofse klage Marias 330—396, jedoch 
wiederholn 330—347 nur kaum passend 211— 22S. 34S— 396 bringen bis 365 
nur die ublichen gcdanken, 385. 6 sind = 55. 6, wahrend 390 /f wie E 268, 25 ff 
die sendung Gabriels vergleichend erwahnen. l nachdem Johannes 397—400 ge- 
sprochen, erwiedert Maria 401 — 420. davon sind die ersten vter verse = 181 — 184, 
415. 6 -= VIH. abermals mahnt Johannes 421 -426, worauf in der klage Marias 
427—445 die traditionellen versikel in dieser ordiuing folgen: 1 II 111 XII VHI 
XV111. diesestUcke sind neumiert. die fortsetzung der klage 446 — 456 ist D 83 ff 
entnommen. Johannes schliefst mit 457 — 464, indem er an die aufgabe des er- 
losungstodes erinnert. ist demnach eine kirchliche Marienklage, welche zu der 
von D s vorlage ausgehenden familie gehdrt, mit M und dem spiegel in beziehungen 
steht und die ublichen verse nur in den schlufs aufgenommen hat. sie zeichnet sieh 
dutch zwei frei hinzugedichtete eigentumliche szenen ans, die nicht unpoelisch erfunden 
und nicht geschmacklos dargestellt sind. die verwandtschaft mit P mag auf einer 
vorlage beruhen, in welcher die gemeinschaftlichen OP eigenen utid die traditionellen 
verse sich fanden; die grofsen unterschiede zwischen beiden stucken sind meist der 
tatigkeil des verfassers von P zuzuschreiben , der schreiber von beschr&nkte 
sich mehr. 

Auf die gemeinsame steUe in P folgt zunuchst ein gesprach zwischen Johannes 
und Maria 190 — 204, fur welches analogien sich kaum anffinden lassen. Maria 
spricht hierauf eine umarbeitung von XVII, ait welche sich, gleichfalls verdndert, 
die sidle E 262, 27—29 schliefst. 212-215 enthalten nur die gewdhnlichen 
ausrufungen. Jesus spricht 218 — 232, von denen 218 — 225 eine ubertragung aus 
den improperien der Charfreitagsmesse bilden, wie schon v. Lilienaon anmerkt, 
226—232 aber eine klage, ankniipfend an Matlh. 8, 20 und Luc 9, 58 wie E 
268, 13-20 enthalten. hierauf cantat Maria XVI, die folgenden verse sind in 
verschiedenen slacken iiberam haufig, es kann ihnen aber keine bestimmte quelle 
zugewiesen werden. ebenso 242 — 247. 248 -252 sind schon als mit gemein- 
schaftlich erwdhnt. Maria Magdalena und die mutter des evangelisten Johannes 
klagen 253 — 298, nur die lateinischen stellen daraus finden sich in 0. die verse 
Marias 299 — 304 wiederholen 242 — 247. 305 — 311 scheinen eine bearbeitung des 



1 diese erwahnung in E wit* der game gedankengang daselbsl stimmen auffallend 
mit einer zuersl von Neale, dann von Kehrein lutein, sequenzen nr 229 i. 180 gedruckten 
grofsen sequent, welche die gauze passionsgeschichte begreift und nock die grablegung 
en I halt. 



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38 

Mi Johannes, planctum move, wie in den (licit - versen von F wird 312 — 321 
das vorhergehende umschrieben. das lateinische bruchstUck Tristor et cuncti tristan- 
tur 322—328 wird 329—335 ubersetzt. die verse des Johannes 336—345 mhtnen 
nur das von Maria vorher gesagte auf die beiden Marien sprechen nun seeks 
verse des Stabat mater, die folgende grofse klage Marias 354 — 425 ist mil genauer 
vorschrift der mimischen acte, die bei dei* declamation vorzunehmen sind, ausgestattet, 
ja es sind die stellungen der sprecherin sorgfaltig angemerkt. die verse selbst sind 
keineswegs neu. schon bier begimien die merkwUrdigen nachbildungen der sequenzen- 
masse. so haben 354—363 das reimschema aabbeddeec. 364 — 375 a a b b c 
ddeecee. 371 — 5 sind aus X umgearbeitet. 376—399 -aa^ ceddb ee 
fgggfhhhikkki*. darin sind VI X VIII (E 266, 26 ff) IX zusammen- 
gearbeitet. 400 421 sind in den gewdhtUichen reimpaaren abgefafst , geben 
grdfstenteils E 269, 2 — 20 wieder, enthalten aber gegen den schlufs audi neues 
wie die verse, in welthen Maria Christum bedecken will. 422—425 entfutlt erne 
auffordeiwig an Maria Magdalena, weldier diese in den versen 426 — 462, die wol 
alle ihr gehdren, nachkommt. 426 — 435 nehmen alte Marienverse auf, zum teil 
wdrtlich: 430. 1 — 244. 5. merkwurdig sind durch ihren bau 436—450 nach 
dem reimschema: aaaabbbbccccccc (c ist klingender reim). 451 — 462 
haben wieder die gewdhniichen reimpaare. die klage Marias 463 — 480 bearbeitet 
eigentlich wieder nur VI, das uberhaupt in P 377, 466, 472, 474, 570, 711 vor- 
kommt. es ist damit stets eine ceremonie verbunden, in welcher der den Johannes 
darstellende jilngling Marien wUrklich ein schwert an die brust halt, mater Johannis 
cantat 481 — 490 (aabbeddeec) neue verse et dicit 491 — 496, welche nur 
329 — 325 umgeformt wiederholen. hieranf spricht Maria die nummern XV IV 
und bruchstucke von X XIV. es folgt ein gesprdch zwischen Christus, Maria und 
Johannes 509—622, zwar in origineller fassung, aber ohne origineUe gedanken. 
nur 520 gibt E 265, 5 wdrtlich wieder \ wdhrend die umgebenden verse schon in 
P selbst mehrmals vorgekommen sind. nach Christi tode wiederholt Maria dreimal 
den ersten vers von XVH 

o wy o we nil is he dot! 
von Maria Magdalena, Maria Johannis und Johannes selbst immer mit trtistenden 
worten erhoben. die wolgeordnete abwechslung, welche hierbei herrscht, scheint mir 
bezeichnend fUr den charakter des stiickes. Maria spricht nun 636—643 «- XVII 
und IX, dieses mit dem fiir die gruppe M charakteristischen zusatze. Johannes 
erwiedert die stereotypen trostesworte, Maria spricht XII -= 648 — 653. 654. 5 
stammt wieder aus 329 — 335. darauf folgt von Maria III und einige verse, deren 



1 die ungleichfbrmigkeit, durch welche vor b hier nur ein reimpaar slehl, hat 
wot ihren anlass in einein versehen des schreibers, welches der ahnliche reim hervor- 
gerufen hat 

2 der einzelne vers, welcher die reimpaare unlerbricht, hat stets k ling en den aus gang. 



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39 

letzter auf C43 zurilckgeht. die verse Maria Magdalenas 664 — 679, worin die 
zeichen beim tode Christi geschildert werden, folgen den evangelien (auch dem Nico- 
demi?) Maria spricht VII mid dann miter (licit abermals eine composition von 
vier versen, die mit dem fd-zusatze von IX endigt. von ihrer klage, die zweimal 
gesungen werden mufs und von 690 — 705 reicht, sind 690— 693 eine neue bear- 
beitung von VI, darauf folgen XI VIII vnd XVIII. blofs nm VI dreht sich die 
ndchste klage Marias 706 — 721. was mater J 'ohannis spricht 722 — 733, ist gebaut 
nacfi dem schema a a a b b b b I) c c <1 d aber gar nicht weiter bemerkenswert. nacfi 
dem Flecte ramus arbor alia ans Crux fidelis, folgt eine bearbeitung. * . 

Johannes fafst 750 — 800 nochmah alle trostgiUnde zusammen. 2 nach einer 
kurzen antwort Marias folgt deren planclus ultimus, quern Tacit bina vice 3 mid 
der nur eine bearbeitung des Mi Johannes planctum move, das schon 305 ff iiber- 
tragen wurde, enthalt. mit 815 — 830 wird das tnch abgelOst, nach einer letzten 
trostrede des Johannes wendet sich Maria zu dem todten Christns und schliefst mit 
dem versprechen, sie wolle nun dem Johannes gehorsam sein t wie dies auch in E 
und den damit zusammenhangenden stucken sich findet. die gebete am ende sind 
fur unsern zweck unwichtig. 

Die Bordesholmer Marienklage ist eine der reichsten und schomten. weist sie 
auch (ifters auf eine in letzter linie mit E zusammenhangende quelle^ so ist sie 
doch (au/'ser mit 0) zunuchst mit M verwandt. ganz und gar ihr eigen ist das 
einflechten verschiedener lateinischer hymnen und seqnenzen mit den zugehtirigen 
iibertragungen. die uberaus genaue spielordnung n welche auch die beschaffenheit der 
gewander bestimmt, die zalreichen mit der musikalischen composition enge verknupften 
wiederholungen geben ihr einen eigentumlichen charakter und lassen sie fast als die 
oper unter den Marienklagen erscheinen. das stuck ist in der kirclie aufge/uhrt 
worden, das crucifix hat in den meisten szenen die stelle des lebenden Christns, 
der gespielt wird t zu vertreten;. es steht aber sicher auf der uufsersten grenze des 
in der kirche mtiglichen und bildet den ubergang zum populdren passionsspiel. 

Q. Die erslen drei verse dieses bruchstnckes lanten: 
Owe bertzliebes kind, owe! 
owe min lip, min sel verwundet ist 
von dim tode, sUsser Crist! 



1 vgl. HZ X, 33, 3/7*. 

2 zu 772. 3. dieses moliv wird auch in den hymnen verwendet Mone III nr 704 
v. 9. 10 

quem sacro super pectore 
tuo facis recumbere. 

3 ultimus, dh. das lelzte stitch, welches gesungen wird: den foigenden versen mag 
man leicht amehen, dafs sie gesprochen wurden. , 



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40 

ob sie von Maria, Christi mutter gesprochen werden sollen, kOnnte nach ihrem in- 
halte zweifelhaft sein ; im folgeiiden aber wird keine andere person erwdhnt. unter 
der fiberschrift Maria cantat folgen VI V IX nnd noch vier verse, deren erster an 
D 90 mahnt, aber anch sonst sehr hdufig vorkommt. die folgenden 21 verse sind 
mit benutzung von D 46/f 92 f hinzugedichtet, nur 35. 6 
Johannes, lieber Ohen min, 
hilf inir wainen min leit unci daz din — 
sind ~ I 283, 13. da sie aber nur den anfang einer iibertragung des Mi 
Johannes bilden, so kdnnen sie nicht verwertet werden zur ndheren bestimmung 
des ursprunges von Q. dieses stilck einer Marienklage foder eines passionsspieles), 
welches nur drei der traditionellen versikel enthalt nnd somit anf keine der uns 
bekannten hauptversionen schliefsen lafst, gehdrt den zusatz-versen nach zu nrteilen 
dem xv jahrhundert an. aus dieser zeit stammt anch die handschrift. 

R. Der text dieser sechzehn verse ist mit notenlinien versehen, anf welche 
die melodie geschrieben weiden sollte. sie gehfiren jemandem, der Marien ansprach. 
ich mflchte J meinen, dafs es Maria Magdalena sein sollte. weitere vermutungen 
gestattet der geringe urn fang des bruchstuckes nicht. v. 6 erinnert an die so oft 
verwendete phrase D 88. 
/ 

S. Mone gibt an, dafs die erslen acht blatter dieses stiickes fehlen und nach 
dem erlmltenen blatte der schlufs gleich falls mangle, wenn diese angaben richtig 
sind, so kann, da auf einer seite nur wenig fiber zwanzig verse stehen ! , der urn fang 
des ganzen nicht sehr bedeutend, es kann kein passiomspiel, sondern nur eine Marien- 
klage gewesen sein, etwa wie nnd P. die ersten 18 verse kdnnen nur einei' 
A/aria zugewiesen werden, ihr inhalt umfafst nur die gewOhtilichsten gedanken. — 
zu 3 vergleiche E 267, 14/". es heifst darnach: Maria Salome similiter plangendo 
circumenl: Conlrilum est cor rneum etc., .was aus Jerem. 23, 9 genommen ist. 
anch die 14 verse, welche nun folgen, sind nicht neu, hauptsdchlich ist E 269 in 
ihncn benutzt. darauf: Maria Magdalena circumeat: Defecit gaudium cordis noslri 
etc. aus Jerem. Thren. 5, 15. 6. ihre 16 verse bearbeitm: 1, E 260, 15 und 
geben in 42 den citierten bibelvers wieder. das nachste: Tunc Joseph genu flexo 
coram crucifixo mit den beiden letzten versen: 

Ach Jesu, vil lieber herre min, • 
dich hand verlaussen die junger din 
deutet auf den beginn der grablegung. man vergleiche K. ndheres lafst sich fiber 
die abstammung von S nicht sagen. 



1 zwar hat fol. 18a 22, 18 b 28 verse, aber der unterschied ruhrl davon her, dafs 
auf der ersten seite die laleinischen schriftslellen mehr raum epinehmen. 



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41 

T ist bruchstfick eines passionsspieles. auf eine einleitung, die von Maria 
Cleophae und Maria Magdalena gesprochen, dem inhalte, wenn auch nicht immer 
den ausdrilcken nach mit S vencandt ist, folgen 4 verse Marias an Johannes =■ E 
261, 24 — 27. darnach ganz in der weise von F eine umschreibung durch sechs 
(\ic\t-verse. wieder rede des Johannes = E 261, 28, 31 mit leichter underung in 
der zweilen halfte. es folgen zehn dicit-verse des Johannes, die nachsten vier 
verse Marias sind aus E 262, 19. 20 und 7. 8 zusammengesetzt. abmnals eine 
umschreibung in acht versen. nun noch sechs verse des Johannes (s. 20), die nen 
sind und den sonderbaren ausdruck enthallen: 

frauenzucht soltu pflegen 
und in mafsiglicher klag leben. 
darauf spricht Maria XIV I II X verstiimmelt. die nun folgende empfehlnng 
Marias an Johannes ist nach dem muster von E 264, 15 — 26 abgefafst. darnach 
spricht Maria III, die nachsten verse umschreiben wieder. dem Eli Eli des erltisers 
folgt die freie Ubertragung. die verse des Judaeus gehdren zum passionsspiele. 
Maria spricht dann vier verse, die aus XVI XV componiert wurden. die ndchsten 
verse haben auch bekannten inhalt, nur der vorletzte jedoch ist genauer in E 267, 23 
zu finden. die ganze szene von Christi tode betcegt sich in den traditionellen ge- 
danken, ohne worte zu entlehnen. tunc Maria in terram cadens dicit VIII. die 
verse des Johannes erinnern an E 265, 25 f, noch befaer an die entsprechende 
fassnng in F. die letzten verse der Maria geben XV 111 mit einem T eigenen zu- 
satzvers. dann: nunc sequitur depositio de cruce. dUrf tiger als in den bisher 
behandelten stUcken hat sich hier die alte ilberlieferung erhalten, umwuchert nicht 
blo/s von den stftcken, die zum passionsspiel gehdren, sondern auch von freier 
erfindung. in einer anzahl von versen ist das vorbild der durch E vertretetien 
fassung unverkennbar, wahrend die nummern XIV und XVIII hinwiederum auf die 
version D weisen. 

U. Die von Pichler s. 31 — 35 zusammengestellten teile von Marienklagen 
kann ich hier einer naheren prufung nicht unterziehen, da sie vom herausgeber 
selbst ohne quellenangabe ah aus verschiedenen handschriften componiert bezeichnet 
werden. 

V ist eine merkwilrdige dichtung. es ist eine klage nach dem tode Christi am 
grabe t ein selbstandiges stilck. die uberschrift lautet: Incipit ludus virginis planc- 
tus cum prophetis. der praecursor erzdhlt s. 115 — 118 die passion Christi. wdhrend 
des eintretens der prozession, welche aus den personen, die im stUcke zu sprechen 
haben, besteht, erinnert primus juvenis neuerdings an die leiden des herrn. prima 
und secunda persona sprechen nacheinander Hberaus dUrftige mahnungen l zur trauer. 



1 darunter s. 119 eine erinnerung an XVII, die beiden letzten verse mlhaltmd. 

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42 

die tertia persona selbst beginnt ihre rolle mit E 260, 1 — 6. es folgen 14 verse, 
die zum teil an V und I sich lehnen. der folgende dialog zwischen Maria und 
Johannes, sowie die ndchsten reden der beiden 'personen' sind, wenigstens den worten 
nach, frei erfunden. der prophet Jeremias halt nunmehr eine langstielige rede, 
wekhe sich auf seine weissagungen beziehen und zur klage mahnen soil, abermals 
gesvngene und gesprochene klagen der prima und secunda persona. Maria spricht 
sodann E 261, 24 — 27 und eine folgende umschreibung, die mit dem ersten verse 
von I anhebl. darauf Johannes E 261, 28—31 in der fassung von T. auf eine 
neue frage Marias spricht Johannes dieselbe stelle und dann: 

Dar an ward er gehangeo, 

mit hammer und zangen 

ward er genagelt und gcbun'den. 

da sprach er zu dir zu derselbigen stunden: 

weib, das ist der sun deiu! 

da meint er micli, den diener sein. 

audi sprach er zu mir: 

die magd und mutter befil ich dir! 
* da ich auf seinem schose rut usw. 

damit ist der charakter der alter en klage grUndlich geandert. nicht nur spricht 
Jesus nicht mehr selbst, sondern Johannes erzdhlt die worte Christi. der prophet 
Jesaias gedenkt hierauf seiner vorhersagungen in grofser rede, sodann spricht 
Maria D 46 — 49 und eine umschreibung, die wieder mit den beiden erstm versen 
von I beginnt und auch D 92. 3 (?) enthalt. die ndchsten vier verse des Johannes 
sind zwar der vierten strophe in D ahnlich, dber da wir gesehen haben, dafs Johannes 
seine mahnungen in V stets mit grUndm ausstattet, so ist keirierlei schlnfs aus 
dieser beobachtung zuldssig. es spricht der prophet Daniel — darauf Maria XV, 
dann 16 verse, die meist an D mahnen. Johannes erinnert an seine szme. David 
redet von seinen prophezien. Maria spricht VIII und eine kahle umschreibung, in 
wekhe noch D 87. 8 eingeflochten sind. Johannes redet von seiner unfdhigkeit, 
Maria zu trtisten. Simeon babens gladium in manu erzdhlt seine weissagu?ig und 
wahrend der rede evaginat gladium et porrigit Mariae. diese spricht natUrlich VI 
und eine umschreibung. Johannes mahnt zur ruckkehr; noch redet Jonas und 
Maria dankt ihm, dann ordnet sich die prozession. mahnrede des secundus juvenis, 
wunsch der prima und secunda persona heimzukehren, um am ndchsten tage wieder- 
znkommen. dann eine kurze rede Marias an die beidm Marien, worin sie in derselben 
weise gehorsam versptidit, wie sonst in E und anderwdrts dem Johannes, darnach 
XIV und die letzten verse von D in der ordnung: 83 — 86, 94. 5, 90. 1, 92. 3, 
87. 8. was in V von Marienklage stecku beruht im wesentlichm auf D, wenn auch 
einzelnes, wie ja gewdhnlich aus E ergdnzt werden mufs. die einfuhrung der pro- 
phetm, wekhe die verbindung mit dem alien bunde herstellm, der charakter des 



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43 

ganzen als gesprdch einer stehen bleibenden prozession, bewcisen filr die spate zeit 
der entstehung von V. 

W. Ich mache zundchst darauf aufmerksam, dafs dieses stilck in einem filr 
nonnen bestimmten und von nonnen geschriebenen gebelbnche sich findet. schon 
das einleitende gesprdch zwischen Maria und Judas, des letzteren luge, ist sehr 
sonderbar und es anzuhtiren, dem publicum des xvi jahrhunderts kaum zuzu- 
muten. das motiv kommt sonst nirgends vor und ist, wie die fassung in worte, 
unzweifelhaft eigentum der dichterin. die verse 21—42sprechen Jesus und Maria 
beim abschiede. auch diese verse sind ohne vorlage. dagegen weist die anrede 
Marias an Johannes deutliche spuren des alten textes auf. die verse 43. 4 gehdren 
zu E 262, 19. 20. — 51. 2 enthalten das Ubliche versprechen des gehorsams. 
die lateinische anordnung vor 57 zeigt (diligenter prospecta), dafs es sich nicht urn 
eine wurkliche auffilhrung von szenen handelt. Maria singt das in EOP und sonst 
noch vorkommende Anxiatus est etc. mil folgender Ubertragung 65. 6. 67 — 72 
enthalten eine bearbeitung des Mi Johannes, die klage Marias 78 — 84 stammt 
zum teil wdrtlich aus D 41 -49. l Marias worte 85—88 sind — E 261, 24—27, 
die antwort des Johannes — 261, 28—31. 93—96 zerdehnen E 261, 32. 3, 
97—100 = E 262, 3—6. das gesprach zwischen Maria und Jesus erinnert jedoch 
nur scheinbar wegen des allbekannten inhalts an bestimmte andere texte. Marias 
verse 115 — 118 sind — T s. 32 ganz neu ist die rede Christi an seine jUnger. 
hier erfahrt man was den letzten teil des gedichtes ganz erf\Vlt, dafs Jesus 
seine passion noch gar nicht begonnen hat. die erwahnten, aus alten texten auf- 
genommenen verse schildern aber schon die marter. es ist offenbar, dafs die ver- 
fasserin, welche aufser geringer poetischer begabung auch nur eines sehr beschrdnkten 
verstandes sich mufs erfreut haben, der alten verse gedachte, als sie im begriffe war, 
etwas Hber die passion zu schreiben und nun aufzeichnete, was ihr eben einfiel 
ohne rucksicht darauf, ob es in ihre selbstgestellte aufgabe pafste. oder auch: die 
verfasserin hatte die absicht, sdmmtliche verse der alten klage aufzuzeichnen, aber 
bald liefs ihr schlechtes geddchtnis sie im stich und sie setzte eigenmdchtig in 
Wrichter weise das begonnene fort, die verse 135 bis zu ende schildern die be- 
mUhungen Marias, der mutter Christi, und Maria Magdalenas, den erldser von 
Jerusalem feme zu halten und ihn Hberhanpt von dem vorsatze des martyrinms 
abznbringen. wenn auch die darin anfgmommenen gedanken sonst noch (besonders 
in der vita metrica) vorkommen, so sind doch die ilberaus elenden verse eigenes 
produkt der verfasserin. das stilck ist auch insofern interessant, als es die zdhig- 
keit beweist, mit welcher die verse der alten Marienklagen auch im geddchtnisse 
sokher hafteten, welche kaum gelegenheit hatten, sie oft sprechen zu h6ren. ich 



1 die anfangsverse =* M 45. 6. 

6* 



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44 

brauche nicht zu erwahnen, dafs 81 ff und 97—100 (man veryl. die anmerkung) 
das stilck der btihmisch-schlesischen gruppe zuweisen. 

X. Schon nachdem Jesus gefangen genommen worden, also vor der matter, 
meldet Johannes in 769 — 778, die von der fassung E ausgehen, an Maria, was 
er gesehen hat. in der antwort Marias 779 — 788 stecken wieder die schlufsverse 
von D. die beteuerung der unschuld folgt dhnlich wie in W. als Jesus zum 
zweiten male vor Pilatus gefuhrt wird, gibt die spielordnung an : Maria vero sequi- 
tur semper et Johannes tristes. die worte Christi an Maria und Johannes 
1154 — 1157 bleiben ohne erwiederung. dagegen heifst es, nach dem Christus ge- 
storben ist und der centurio gesprochen hat, also nach 1176: Sequatur lamentatio 
Mariae, deinde Longinus dicat etc. hier also hatte die lyrische klage gesprochen 
zu werden. sie war aber so allgemein bekannl, dafs nicht einmal die anfangsworte, 
wie sonst ublidi, citiert zu werden brauchten. es genUgte die blofse erwdhnung. 
diese stelle ist uberaus bezeichnend. was Maria spelter 1204—^1213 und Maria 
Mugdalena 1214 — 1223 (also wie schon vorhin immer in je zehn versen) sprechen, 
da der leichnam vom kreuze abgenommen worden, ist ohne vorbild. also auch 
hier die spurm der alien tradition und vor allem der schlagende beweis fUr die 
milndliche uberlieferung des lyrisch-musikalischen teiles der Marienklagen. 

Y. In diesem grofsen und die wichtigsten momente des leidens Christi behandeln- 
dem passionsspiele ist der klage Marias nur wenig raum gegtiyint. als zum dritten 
male geblasen wird, erschrickt Maria, by dero sol Johannes sin und ftat Maria uff 
mit cleglicher stim und geberd und spricht zu Johannes* die verse 3063 - 3074 
ohne verwandtschaft mit bekamiten texten. die drei Marien klagen in je 8 versen 
3095—3102, 3111 — 3118, 3127—3134, ebenfalls ohne verwandtes und werden 
dann von Jems als ttichler Syon mit einer paraphrase des evangelischen textes an- 
gesprochen. als die marter Christi fortgesetzt wird, soil Maria 'zwOrent oder 
dristund nider sincken mit grossem achtzen und jamer' und 3177 — 3196 sprechen. 
Johannes trOstet 3197 — 3202. die worte Christi an Johannes und Maria 3407 
— 3410 Hbertragm nur die sdtze des evangeliums. nach Christi tode und der 
szene mit Longinus klagt Maria 3515 — 3534 mit der (aus E) bekannten erwahnung 
Gabriels. Maria Magdafena spricht dann noch 3535 — 3544. nur dilrftige spuren t 
zu denen ich das zwei- oder dreimalige hinsturzen Marias auch zahlen mOchie, 
verknilpfen dieses stilck mit der gemeinen tradition, es wird sich kaum beweisen 
lassen, dafs es einer bestimmten' reihe von Hberlieferungen angehtire. 

Z. Die verse der prima persona 426 — 433 finden sich wieder T s. 18, V 
$. 119. dagegen haben die der secunda und tertia persona 438 — 445, 449 — 454 
keine verwandten in den Marienklagen. 



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45 

a erwdhne ich nur defshalb, toeil in der szene der drei frauen mit dem salben- 
krtimer die verse 317, 5 — 6 als dlter aufgefafst werden ktinnten. weder sie noch 
die gekreuzten reimpaare 317, 11. 2 haben in den Marienklagen etwas entsprechen- 
des, sondern beruhen ihrerseits auf eigenen lateinischen vorlagen. 

fi. Die Maria clag in der ussfUerung Christi, welche von der Metzgerzunft 
besorgt wurde, reicht von 1143 — 1176. darin sind nicht blofs die gebrdnch lichen 
gedanken, sondern auch in derselbm reihenfolge und wOrtliche ankldnge enthalten. 
so heifsen 1143/f: 

frome menschen jung unnd alth, 

secht an den schmerczen manigfalt, 

denn ich in meinem herczen trag 
was zu I gehtirt. an die neue zeit mahnt, dafs der schlechte lohn, den Christus 
fur seine mensdienfreundlichen bestrebungen erhalten hat, besonders betont wird. 
auch die spdtere klage 1459 — 1490 weist erinnerungen auf. als Christus vom 
krmze herabgenommen wird, klagt Maria 1735 — 1742, wovon 1735. 6 aus 111. 
1739, 40 aus 1 je zwei verse enthalten. also wdrtlidie conservierung mehrerer 
der geldufigsten verse. — das passionsspiel nimmt die reden der prozession meistens 
auf und fugt nur weniges hinzu. die worte des Pilatus 1340. 1 weisen wol auf 
E 267, 14. 5. 

y. Hier heifst es s. 290: Johannes bey Marien in einem weiszen mantel 
Eyn blosz swert zu marien gekert — wenigstens ist noch die ceremonie erhalten, 
die in P so wichtig ist. bildliche darstellungen derselben siiid freilich Hberaus hanfig 
und fast kein missale bis zum xvm jahrhundert wird ihrer entbehren. 

d. Rein selbst bemerkt von diesen spielen s. 11 der einleitung: 'die klage der 
mutter gottes — mehr in dem versmafse als in den worten den bekannten alten 
Marienklagen nachgebildet. f im or do processionis liest mans. 17: Maria gladiata in 
pectore stipata. wOrtliche anlehnung ist allerdings weder in den gesdngen, noch in 
der prozession, noch in der klage Marias zu bemerken. aber der bau der verse deutet 
bestimmt darauf hin, dafs ihr verfasser die alten stucke gekannt hatte 9 wenn auch 
sein geddchtnis nicht hinreichte, ihren wortlaut festzuhalten, oder auch sein ge- 
schmack sie verwarf. 



Wir gehen nunmehr daran, das verhaltnis der Kunstdichtung zu den volks- 
tiimlichen Marienklagen zu betrachten. das wichtigste denkmal ist hier ohne zweifel 
der 'spiegeV, von Mone zum ersten male gedruekt, Schauspiele des Mittelalters I, 
210 — 250. die dort benutzte handschrift befindet sich in Konstanz und gehdrt dem 



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46 

xiv jahrhundert an. ich kenne noch neun texh vollstandige handschriften, teils 
bruchstUcke 1 und beabsichtige darnach das gedicht demnachst herauszugeben. der 
Monesche text ist nicht nur nicht der auf die beste handschrift gestutzle, sondem 
hat audi ganz erhebliche lUcken, welche von den andern handschriften ausgefttllt 
werden. es wird sich der umfang des ganzen auf 1500 verse belaufen. der 
'spiegel' (v. 123) stammt aus der mitte des xm jahrhunderts. der diditer ist 
gebildet. er versteht latein, er kennt die hOfische poesie, ahmt Hartmann von Ane, 
Wolfram von Eschenbach, vielleicht audi Walther und Freidank nach. nach einer 
kurzen einleitung, welche in sinnreicher weise den spruch 3, 11 des hohen liedes 
in eitie einladung zur lecture umformt, wird die not Christi geschildert. im 
Moneschen text findet v. 341 ein ganz unvermittelter ubergang statt. bis dahin 
kann der dichter gesprochen haben, mm redet Maria, die meisten der ubrigen 
handschriften haben jedoch schon vor 313 eine im Konstanzer texte fehlende 
stelle, in welcher Maria das wort ausdrucklich ergreift. ihre rede ist zuerst epischen 
inhaltes, die marter Christi wird erzdhlt. 521 beginnt die lyrische Marienklage 
und reicht bis 632. dann folgt wieder erzahlung, die worte Christi an Maria und 
Johannes reichen bis 724. dann erzdhlt der dichter von Marias schmerzen, erwdhnt 
noch der einzelnen worte Christi, klagt mil und berichtet dann, wie Joseph und 
Nicodemus den leichnam vom kreuze schafften. es folgt eine neue klage Marias 
1060 ff, die bei Mone fast ganz ansge fallen ist. ein preis der mutter gottes mit 
einer mahnung an den leser schliefst das gedicht. uber die quelle desselben bin ich 
mir noch nicht ganz klar, 2 in lateinischer prosa und poesie ist dieses thema so 
unzdhlige male behandelt worden, dafs der deutsche dichter reiche wal hatte. fiir 
neuere zwecke ist vor allem die lyrische Marienklage von bedeutung. dafs die in 
L und M benutzt wurde, ist Uber alien zweifel erhaben. aber wie steht es mit 
dem verhdltnisse des 'spiegel' zu den dlteren einfacheren Marienklagen y besonders 
zu E? es lafst sich nicht leugnen, dafs einzelne stellen* grofse dhnlichkeiten 
haben, welches verhdltnis ist jedoch anznnehmen? die vorlage von E ist sicher 
bedeutend filter gewesen als die handschrift. ich wage nicht, mich schon jetzt be 
stimmt darilber auszusprechen , vermute aber, dafs in diesem falle der 'spiegel' 
das spdtere gedicht sei und dafs der verfasser desselben, als er sein lateinisches 



1 aufser dem bruchstiicke Atldentsche blatter I 387^*, welches schon Pfeiffer {vgl. 
Mone aao. II 425. 6) als dem 'spiegel' angehbrig erkannt hot, ixt auch das von ThJacobi 
herausgegebene Marienlied (HZ III 130^*) ein bnwhsliick. 

1 woher Hoffmann Fundgr, I, 307, anm. seine notiz hat, dem gedichte liege das 
laleinische werk eines gewissen Lucas zu grunde, weifs ich nicht. 

3 besonders E 267, 25 und spiegel 549; E 265, Wfund spiegel 567/7*,- E 267,27 und 
Altd. blatter I 388, 1\ff; daselbst 22. 3 und E 265, I. 2; 38«, 41—3*9, 5 und D 89-96. 
das wort spiegel kommt in Marienklagen mchrmafs vor, io M 71, 306 usw. im alien 
Passional 66, 42^* und 76, 26. 



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47 

buchkin, das vielleicht wilrklich nur eine sequenz oder homilie war, die deuischen 
volkstUmlichen Marienklagen % benutzte, 

Dasselbe thema behandelt die Marienklage, welche von OSchade (gedichte vom 
Niderrhein s. 214 — 221) herausgegeben wurde. es scheint mir ziemlich deutlich, 
dafs dieses gedicht, welches so naiv und empfindungsvoll ist wie die meislen der 
niederrheinischen geistlichen dichtungen, direkt auf die dramatischen Maritnklagen 
znrilckgehu zwar nicht so, dafs eine der vorhandenen bekannten als quelle auf- 
gewiesen werden kdnnte — denn wenn auch einzelne ausdrucke mil OP zu stim- 
men scheinen, so kann das ganz leicht in der gleichheit der situationen begrHndet 
sein — aber seiner ganzen anlage nach. die kurzen trostworte des Johannes, die 
erwahnung der drei Marien, welche mitklagen, schliefslich die grablegung wtisen 
bestimmt darauf hin. dagegen wird man aus den versen 31 — 52, welche von dem 
entschlusse der juden sprechen, die gekreuzigten nicht Uber das osterfest hdngen zu 
lassen, keinen ahnlichen schlufs Ziehen durfett, sie gehen wol auf den text der bibel 
zurUck. 

Merkwurdig ist das von Hoffmann Altdeutsche blatter U, 200. 1 aus einem 
pergamentblatte des xiv jahrhundert verdffentlichte gedicht des xu jahrhunderts. 
Schade hat (aao. s. 245 f) einen text herzustellen gesncht und mil recht das ganze 
nicht als den anfang eines selbstdndigen werkes sondern als eine aufzeichnung von 
ein paar beliebigen in dieser folge nicht zusammengehdrigen teilen aufgefa/'st. 
wenn Schade aber einkitung s. XVI f. eine stelle des deutschen gedichtes mit einigen 
worten zusammenstelll, welche Maria in dem bekannten dialogus beati Anselmi tie 
passione doinini spricht und daraus schliefst, dafs der dichter diesen dialog gekannt 
haben mUsse, so scheint mir das zu kuhn. denn vorerst spricht, wie Schade selbst 
erwdhnt, im deutschen gedichle der verfasser, im lateinischen dialog Maria und dann 
gehen beide stellen zurilck auf Jeremias 9, 1 : quis dabit capiti meo aquam et 
oculis meis fontem lacrimarum? et plorabo die ac uocte interfectos filiae populi 
mei. Schade sagt Hbrigens selbst in seiner ausgabe des dialogus (Halle 1870), 
dafs derselbe nach 1239 tferfafst sein milsse und alter ist das deutsche gedicht 
gewifs. der gedankengang der worte Marias, besonders die erinnerung an die vor- 
gdnge in Christi kindheit findet sich in der klage Marias, welche die vita metrica 
enthdlt und von hier aus in den abhdngigen gedichten. aber auch die vita metrica 
ist zu jung und so wird wol filr sie und das deutsche gedicht dieselbe quelle vermutit 
werden mUssen. 

In derselben hanndverschen handsdirift, aus welcher A stammt, befinden sich 
die von W Grimm HZ X, 1 ff herausgegebenen Marienlieder. meine untersuchungen 
fiber reimbestand und sprachgebrauch dieser gedichte haben keinerlei sichern anhalt 



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48 

gegebm, eine sclieiduttg vorznnehmen und mehr als einen verfasser zu erketinen. 
kleine verschiedenheiten kreuzen sich, grOfsere und wichtigere ubereinstimmungen stehen 
durch. nur das gediclit von den edehteinen 113, 33 bis eiwa 118, 29 unterscheidet 
sich durch seine trockene gelehrte manier von den warniempfundenen tibrigen, dock 
kann diese differenz audi im stoffe bcgnlndet sein. von der grofsen Marien- 
klage, die von 24, 33 bis 35, 24 reicht, kann nicht behauplet werden, dafs sie nur 
eingelegt sei. allerdings unterscheidet sich diese dichtung sogleich von den sie um- 
gebendm partien durch ihren bau y die kurzeren verse und strophen. 1 allein man 
kannte ja damals Marienklagen nur aus lateinischen hymnen und seqnenztn, wie 
nahe lag es bei einer deutschen bearbeitung desselben gegenstandes, die dort ver- 
wendeten mafse und strophen nachzuahmen. ich weifs kein einzelnes lateinisches 
gediclit, in welchem die mehrzahl der in dieser klage vorkommenden gedanken ent- 
halten ware, wol aber kann ich eine reihe von belegstellen aus verschiedenen latei- 
nischen dichtungen beibringen. 

Die erwdhnung von Simons prophezie 25, 7 ff bedarf keines beleges. vor allem 
scheint unser planctus benutzt worden zu sein. es entsprechen mitunter wdrtlich 
seinen versen 17, 33, 60, 65, 91, 99 die stellen 27, 5; 28, 7; 30, 9; 32, 37; 
32, 30; 34, 16. dem Mi Johannes, planctum move entspredien 29, 21 ff. von 
dem bei Mone Schauspiele -des Mittelalters I, 37 ff gedriickten hymnus finden sich 
die verse 10, 13, 14, 17 in 25, 23. 25. 27. 28. am dem bei Mone zundchst 
s. 42 ff gedruckten Planctus 37, 41, 73 dilrften die verse 27, 20; 9ff, 22 ff 
stammen. von den vier auf eine cLltere gemeinsame quelle zuruckgehenden liedern 
ad faciem salvatoris (Mone Lat. hymnen I, 153— 156) ist eine stelle bemerkenswert : 

Ave facies praeclara, 

quae in sancta crucis ara 

facta eras pallida, 

anxietate denigrata, 

sacro sanguine rigata. 
der 26, bff 26 ff entsprechen. die in der missa compnssionis beatae Mariae vir- 
ginis enthaltene sequenz (Kehrein lat. sequtnzen nr 229 s. 180 auch bei Daniel 
thesaurus V 187 — 189) hat absatz 7 und 8 die worte: Cur vita durat sicanxia? 
cur non moriar? mors a u tern cur mihi parcil? Quae mater unquam quaeve 
puerpera nati dilecti tanta supplicia videre simul et ultra vivere possil? denen 
27, 13/7* ungefiihr entsprechen. 33, 3/f ubersetzt das bekannte Flecte ramos arbor 
alta aus Crux fidelis inter omnes. in den zalreichen passionsliedern, die der i. und 



1 von 24, 33—25, 16: aabccbddeffegghhgiiggh cbenso von 25, 15—37, 
nur feldt hier am ende (tin vers, es braucht nicht bvsonders nachgewiesen zu wwden, 
dafs diese reim schema la in den absiilztn lateinischer hymnen und sequenzen iiberaus 
hail fig gebraucht werden. 



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49 

besonders der 11 band von Daniels thesaurus hymnologicns brhtgen, lassen sich 
dayeyen keine bestimmten beziehungen nachweisen. ahnlich sind ferner I) 83 /f und 
hier 31, Iff; E 271, 16/f und hier 32,5 Brich min hercc; 47 ff und hier 
29, 31/f, wobei sichtlich dieselbe lateinische vorlage bearbeitet wird. erwdhnen mufs 
ich nock dafs die den hymnen nachgebildeten versikel 30, 20 — 32, 4 durch grdfsere 
slrophen unterbrochen werden, x von denen 30, 20 — 31, 22 refrainverse haben und 
dafs die beziehungen auf die lateinische dichtuny gegen ende der klage hin abnehmen. 
vieUeicht deutet die erwdhnnny von Magdalena 29, 26, von Nicodemus und Joseph 
33, 24 f darauf hin, dafs der verfasser schon dramalische (lateinische) bearbeitunyen 
der Marienklage und yrablegung gekannt hatte. 

Die dichtnngen, welche das leben Marias und Jesus behandeln, eitihaUen natiir- 
lich auch die kreuzigung und die Marienklage. eine reihe davon, die Marienleben 
des bruder Philipp, Walthers von Rheinan und des Schweizer Wernher gehen auf 
die vita metrica Beat a e Mariae Virginis et Salvatoris zurnck. diese gibt in dm 
beznglichen abschnitten als quellen folgende autoren an: Germanus historiographns 
Jesu et Marie, Theophilns, beatus Bernhardus, Ignactus martyr dann das evangelium 
Hebreorum, das evangelium Nicodemi, die glosa super evangelium und die scolastica 
historia. aus diesen quellen sind znm teil auch die lateinischen gedichte ge- 
flossen, welche in den deutschen Marienklagen benutzt wurden und so erkldrt sich 
die sonst anffallende nbereinstimmung einzelner stellen der klagen mit diesen 
bearbeitungen der vita metrica. in der vita metrica findet sich aber noch frilher 
ein dialog zwischen Maria und Jesus fiber die passion (HZ XVII, 524 — 529 j, als 
dessen quelle Germanus historiography angegeben und in welchem die leidens- 
geschichte vorweggenommen wird. aufser den schon genannten deutschen dichtnngen 
behanddt das Grazer Marienleben diesm stoff (HZ XVII, 552—558), ebenso noch 
das im anhang III verdffentlichte Soliloquium Marie cum Jesu secundum Grego- 
rium papam et doctorem sanctissimum. hier wird auch die frage nach dem grunde 
des leidens Christi, mit der fast sdmmtliche lateinische passionshymnen beginnen, 
eingehend erdrtert. 2 

Das alte Passional erzahlt 56, 20 — 81, 46 die marler Christi. auch hier 
finden sich beziehungen zn den deutschen Marienklagen. schon oben habe ich eine 
stelle, die zu O und P stimmt, erwahnt. zn 72, 94 ff: 



1 gpricht 27, 26—29 der dichler? 

2 hierhcr gehorl auch der oben schon erwdhnte dialog zwischen Anselmus und Maria, 
nach welchem das gedicht bet Schade A/iderrh. ged. s. 239^*, (ogl. noch dazu Ntirrenberg 
Kolnisches Literaturleben s. if) und das von Liibben Bremen I860 heraasgegebene ; Ancel- 
mus vom Leiden Christi gearbeitet sind. 

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50 

vil liebez kint, sit ich nu bin 

alsus vor dir verweiset 

unde din leben reisct 

in so leslerlichen tot — 
vergleiche man E 265, 9. 10. so auch 72, 8 brich min armez hcrze, brich 
nnd X. kkinere dhnlichkeiten sind zahlrekh. 

In dem nnechten znsatze zu Konrad von Wiirzbnrg's goldener sclimiede, 
welch er in der Heidelbergei* has. 356 (a) sich findet , wird der Marienklage 
i). VAff so erwahnung getan, dafs der schreiber wol kenntnis von dm beznglichen 
dkJtlnngen gehabt haben mufs. dasselbe mfichte ich filr das Voter nnser des Hein- 
rich von Krolewiz 2220 — '2265 annehmen. die ganze schilderung der passion, 
welclie Hugo von Langenstein Martina 28, 65 — 43, 20 entwirft, weist die dent- 
Ikhsten sjmren der benutznng von passionsspielen anf nnd die bekannlschaft mil 
Marienklagen wird durrh die stelle 238, l$ff desselben gedirhtes unzweifeihaft. 
der dichter des Rein f rid von Brannscliweig liifst lAl'ISff die kdnigin Irkane 
beten: 

Marift minnencliche, 

dAht si, wem wilt du micb l&n 

aid wie sol cz mir erg<hi 

mir ellenden arrnen? 
was nur eine nachbildnng der Marienklage (P) ist. dafs die stelle 17981 — 18131 
kenntnis dentscher passionsspiele beknnde, scheint mir zu bezxoeifeln. auch das 
passionslied der Limbnrger chronik von 1356 (Anzeiger fur kunde des deutschen 
Mittelalters 1832, s. 25 — 27) kennt die passionsspiele nnd die Marienklage. 

Nr 512 in PhW acker nagels Dentschem Kirchenlied II, 354/" ist eine mitunter 
genan sich anschliefsende bearbeitung der ilblichen gemeinsamm verse mit geschmack- 
losen zu/aten. dazn gehtirt noch nr 799 (aao. II, 612/fJ, dasselbe gedicht, aber 
verstilmmelt. 

Nicht ndher kemie ich das 'dramatische passionsspiel mit mmiknolen\ dessen 
Mone anz. 1838 sp. 580 erwcthnt. es be findet sich in einer hamlschrift des 
xvii jahrhunderts, welche die bibliothek des klosters Lambach in Obertisterrekh unter 
nr 476 bewahrt. dafs es mit dem psalm: 'Anxiatus est' beginnt, ist ein beweis 
fur seine znsammengehdrigkeit mit unsern stuck en. ferner die klage in der Stutt- 
garter hds. Theolog. nr. 19 fol. pap. xv jahrhnndert bei Mone anz. 1838 sp. 286. 
ihr an fang: 

usserwelte cristenheit, 

nu hclfet mir mit lid en das leit 
ist ebenfalls nnd zwar ans E bekannt. 



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5i 

Parodiert ist die Marienklage in einem gedichte der St utt garter hds. Theolog. 
nr. 19 duodez aus dem \\ jahrhundert [Mone anz. 1S3S sp. 2S3), dcsseu anfttug 
lautet: Die Klags|>riich ilos lyilcnden meutsclten under dem rosenlx'tin vahend 
an also: 

Herlzen frod liavn ich verloren, 
zu groBem lyden hin ich gelmrn usw. 
en ist eine spruchsammlnng. stellenweise scheint mir das gedicht: Liebesklage in 
Lafsbergs liedersaal I, «. 55 unter m\ XI aw die Maricnklagen zh erinnern % e$ 
kann dies aber anch tauschung sein. ! 



Mit dem lateinischeH kirchenliede hat die nntersuchung begonnen, wit dem 
dentschen schlie/st sie. es sei erlaubt, noch in kurze den ganzen entwicktungsgang 
der Marienklagen zn zeichnen. bekannt ist die wichtigkeit der lateinischeH hymncn 
und sequenzen fur den mit telaltei lichen gottcsdienst. hielt die feierliche slrenge der 
messe die teilname der hdrer in ehrfurchtsvoller feme, so tear in diesen compositions 
raum gegeben fUr den ansdruck warmer empfindung. duher die friihen versnche, 
diese dichtungen in der volkssprache zu bearbeiten und so fur sie ein noch grOfseres 
publicum zn gewiwnen. einige dei % besten und schtinsten sequenzen sind in Frankreich 
entstanden. als nun in der zweiten hdlfte des xu jahrhutidcrts die gewaltige flat 
franztisischer anregungen und neuernngen in das deutsche leben einbrach und fiir 
hundert jahre vorwurtsdriingend wiirkle, tralen anch auf dem gewdhnlichen wege 
am Rhein solche kirchenlieder iiber. damnter das Planctus ante nescia. wir 
finden die wdrtliche tibersetznng desselben in einem niederrheinischen gedichte. trir 
sehen tlann znndchst in C den lateinischen text an zwei personen rerteilt, diese pei- 
sonen treten in einem einfachen passiojisspiele auf. nun zeigt sich ein sprung in der 
entwicklung. voir miifsten als ndchste stufe st&cke erwarlen, in welchen lateinischer 
text und deutsche bearbeitung nebeneinander vorkommen. aber wir haben nnr 
spnren von der existenz einer so Ich en stufe in D und I. es fdllt nun der latei- 
nische text bis auf kurze citate ganz weg und der deutsche wird dnrch zu- 
to ten erweitert. parallel mit dieser entwicklung werden aus den monologen dialoye; 
durch einfiignng der worte Christi am krenze erhalten wir schon drei personen 
(E I M N), 2 das hinzutreten der drei Matien, des Petrns, schliefslich des Joseph 



1 noch zu vergleichen die Magdatenenklage Phirackemagel aao. II 356. nr 514 
1 in die erwahnle liicke imirden hier stiicke gehoren t in welchen das crucifix die 
Mtefle Christi einnimmt. spuren davon finden sich vor ailem in P, aber anch hymneti, 
welche Maria das kreuz ansprechen und von demxelhen anlwort geben laxxen, wie Mont* 
Schausp. d. Mittelalt. I, 37 — 41 {in besserem Icjrte hoi Morel iat. hymn. wr53) sind hierher 
zu rechneti. iiber die sleite des krettzes hi der Char/'reitngsfeier vergt. noch Daniel thr- 
saunts hymn of. I, 162 /I 



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f>2 

und Nicodemus vennittelt die aufnahme der dramatisierten Marienklagen in die 
grofsen volkstumlichen passionsspiele. und die entwicklung schreilet fort mit d*r 
geographhdien verbreitnng. vom Met tie aus erstreckm sich zwei grofse zweige; 
einer fiber die Schweiz nach Sfiddeutschland, er Ian ft in Bdhmen und Schlesien, 
den deutsch-slavischen Idndem aus. der zweite geht fiber Milteldeutschland (FGH) 
nach Norddeutschland , Wolfenbfittel - Bordesholm sind hier die endpunkle. beide 
zweige werden in ihren enden von der kunstdichtung dnrchsetzt und zum teil auf- 
gelfist. aber nnglaublich zuh sind die alien veise. sie dauein nicht nnr in den 
lelzlen resten der passiomspiele, den znnftprozessionen, sie leben anch nock im 
kirchenliede bis zum xvi jahrhundert. natnrgemdfs wdhrt ihre lanfbahn in Sud- 
deutschland am langsten. in mehreren fallen reicht man mit der annahme schrift- 
licher tradition nicht aus, es mnfs mnndliche ubeilieferung angenommen werden 
und aufzeichnnng aus dem geddchtnifse. als verfasser der Ubergrofsen mehrzahl 
dieser denkmiiler hat man sich geistliche zu dcnken. 

Eine uhnliche entwicklnng habe ich fur die lateinisch-deutschen Osterfeieim 
(Zeitschrift fur deutsche Philologie IV, 367 ff) aufzuzeigen versucht. dorl klaffte 
die erwuhnte lUcke nicht, aber die verzweigung war auch dUrftig; hier ist sie voll 
und nppig. 

Ich habe mit voller absicht mich von der untersuchnng der franztisischen 
und englischen Marienklagen fern* gehalten. nicht als ob sie mir nicht wichtig 
genug erschienen und ihre witersuchnng nicht lehrreidi ware, einfach defshalb, weil 
das vorliegende material anch nicht im entferntesten zureicht. es mfifsen daher die 
hezilglichm publicationm abgewartet und die losnng dieser fur die vergleichende 
litter aturgeschichte gexoifs bedeutungsvollen aufgabe mufs einer spateren zeit vor- 
behalten werden. 

Oed, august 1674. 



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ANHANG. 



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I. 

Das gedicht bvfin.de t sich in einer pergamenlhandschrift des xiv jahrhunderls 
h inter einer vollstandigen abschrift von bruder Philipps Marienleben, die Rnckerl 
nock nichl gekannl hat. Virgil Grohmann erhieit sie von professor v. Hofler in 
Prag milgeleill. 

[Maria] 

0\\e t owe, ich han min libcs kinl verlorn ! 

own, daz ich ie wart geborn ! 

scliol ich es nimmcr mer gesehcn. 

wie scliol mir armen nu gescliclicu ! 
5 owe, owe, sufzen, prinnende no I, 

owe wer er mir niclit tot 

von niangem pilerleichen slater, 

so wold ich nimmcr laid geclagcii. 

owe, owe, ich han gehoret aincii riif 
10 tlas ist Jhesus, der inich geschflf. 

owe, er laidet grozze not! 

owe, und leg ich vor in tot! 

[Johannes] 

Owe, owe, vor jenes judcn haus 
sach ich in pluligen gen heraus; 
15 ain creuz ini auf deni rucke lag, 
vraisleicher den ain donerslag. 

. [Maria] 

Owe, owe, ich hore tier hamerslege tos 
auf inein kinl also bios, 
auf hende und auf di fuzze sein; 
20 da von mein lierzc leidet pein. 

[Johannes] 

Owe, owe! Maria, mAler, raine mail! 
sein marler wart mir vor gesait, 



1 die an fiih rung von owe ist der sal nach unbeschrankt und tneist nichl in den vers 
wit einzurechnen 5 sufczen die handschrift. 



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56 

di er leiilet ane schull, 

do mil di sclirift nu wirl erfult. 

[Maria] 

25 Johannes, freunt, ge mil mir dan, 
do si mcin Iraul kinl gefangen lian. 
si toten es, dcs ist niclit rat, 
uud cr si docli beschaffcn ha I. 
Vil liber freunt Johannes, 

30 mil ganzen trewen man ich dich des 
und pit dich mil flcn, 
daz du wellest mil mir gen, 
wo mcin traut kint in marter not 
hat vergozzen sein blut rot. 

[Johannes] 

35 Maria, niftter und vrowc mein, 
ich derfulle genie di pete dein. 
ja fureht ich aber, das du pein 
findest an der marter seiu. 

[Maria] 

Johannes, freunt, das weis ich wol, 
40 von rcchtc schol icli leideu dol; 
(lurch seine grozze trewe 
mflz niich sein not re wen. 
alles das man von laide spricht, 
das ist gegen meinem laide nicht. 

45 (iot gesegen euch, vil libcn vrowen! 

ich wil gen mein kint schowen, 

daz so jamerlichen stet 

an dem creuz, das ir wol selicl. 

mcrkel allc, di mfiter sint, 
50 gehet ir sehen ewer kint, 

oh ir icht jamer begundel tragen. 

ob alien mfltern ist mein clagen: 

den ich jamerlich mflz anesehen. 

got gesegen euch, ich wil gen. 

[Johannes] 

55 Sich, vrowe, dein kinl Jhesus 
laidel grozze not umbsusl; 
wilt du das schowen, 
so koin, vrowe, la dir in zougen. 

[Maria] 
Owe des gauges, den ich gen 



27 rot, a von anderer hand ubergeschrieben 31 fle dazu von anderer hand yie 

33 di marter not vgl. 17.8 37 das du nicht dein pein ?»W.L2S2 t 7.8 50 «het 
ir sten 58 czaigen. ° 



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57 



60 init jaoier und mil re wen. 

ich mag gesitzen noch gesteu, 

mein laid das wil sich new en. 

nu wainel, selige cristen, mil mir, 

wan mein traut kint daz dolel hir. 
(>5 alle mfiterlichen herzen, 

helfel mir clagen seinen schmerzen, 

wan di pitter marter sein 

di pringet mien in grozze pein. 

ich was selige m liter gehaizzen inanigen tag, 
70 nu wais ich nicht, wo ich mich wenden mag 

von dem spigel, den ich an sehe. 

also mflz mein era herzen geschen we 

als ein swert durch meine sele gat. 

secht, wie er verwundet slat, 
75 den ich zu der werlt han brachl! 

erparrae dich, suzze gotes craft, 

und sage mir, vil libes kint, 

durch was dise grozzen pine sint, 

di du fur den menschen leiden wolt. 
80 ich trawe, ez sei an alle schult, 

wan du nie kain sunde hast getan, 

noch posen gedanken du nie gewan. 

Owe, owe, owe, herzenlicher clagc, 

di ich miUer aine trage 
85 von des lodes wane. 

wainen was mir unbekant, 

sint ich mflter was genant 

und doch mannes ane. 

nu ist zu wainen mir geschehen, 
90 sint ich deinen tot mftz sehen, 

den ich ane swere gar 

in liter unde mail gebar. 

grozzer clage ist mir nol, 

owe, leg ich fiir in tot. 
95 sun, vater, schepfer pist du mein 

und ich di arme mflter dein. 

owe mir, libes kint, 

wie gar dir dein wangel sint 

vil ser an dir verplichen ! 
100 deine craft 

und deine macht 

ist dir gar entwichen. 

deine wunden ton mir we. 

meiner clag ist dannoch me, 
105 das du herzenlibes traut 

wider mich nicht macht werden laut. 

Ach, vil liber sun mein, 

dise scharffe crone meret meines herzen pein. 



64 dotet ir 69 manigen gehaizzen tag 77 mir fehlt 78 disen 88 folgt in 
der handschrifl nach 85 90 teinen 108 meine vgL 116. 

8 



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58 



dein liaupt isl genaiget in den lot, 
110 deine slarken wunden Ion meincm herzen not. 

und ach der schmerzen! di hende dein 

gebent mir jamerlichen schein; 

deine wiropron sint von pi lite rot. 

des woll ich, kint, gern ligen lot. 
115 Liber sun, mag das gesein, 

do het ein ende meines herzen pein. 

ain swert, das mir gehaizzen was 

von Siraeonis munde, 

Jesu Grist, do ich dein genas, 
120 das sneidet mich zu stunde. 

owe wer 

hat sein sper 

her zu mir genaiget, 

daz er mich 
125 unde dich 

so ungeliche schaidet? 

herze prich! 

tot, nu sprich 

und la mich dir nu volgen. 
130 der juden kint 

mir nu sint 

worden ser erpolgen. 

Owe, tot, 

dise not 
135 macht du wol volenden, 

wilt du yon dir 

her zu mir 

deinen polen senden. 

o vater, herre Jhesu Crist, 
140 meines herzen trost du pisl. 

gar suzzer unde g liter, 

sich an deine mQter! 

sich auf mich vil arinen 

und la mich dich erparraen: 
145 zeuch mich auf des creuzes ast; 

er ist so stark und so vast, 

daz er uns wol getrageu schol. 

ich armes weip pin laides vol. 

wa schol ich nu Inn keren? 
150 mein quale wil sich mercn. 

O libcs kint raine, 

du slirhest nicht wol aine. 

nu tu ein beschaiden guade mir: 

la mich nu, kint, sterben mil dir. 
155 O grimmiger tot, du phlagest (?) mich, 

es ist zeit, nu ouge dich. 



116 to 117 wart 119 dein gebor 120 m. hie z. 123 her fehlt 135 vol- 
hcnden 146 bast 147 gewagen vgl. spiegel 533 149 und schol 155 vgl. spiegel 
541 o grimmiger tot du vliuhest mich 156 ougen. 



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59 

ach tot, du werest pitter e, 

nu ist mir nach dir so we, 

wan du mir alaiue suzze pist. 
160 ach tot, nu gib mir kaine vrist, 

zubrich mit deinein schmerzen 

das leben meinem herzen. 

du werest e grimmig, nu pist vorzait 

du schonest ainer armen mail. 
165 tot, prich enzwei das herzc mein, 

das ich nicht sehe meines kindes pein. 

dir stet, vil liber herre, wol, 

wan du pist aller genaden vol, 

das du erhorest mein gepet. 
170 ich pit dich, also ich e tet: 

zeuch mich an di sailen dein 

und troste dein geparerin. 

ach, herzcnkint, erkenne mich; 

ich bin dein mflter, ere mich. 
175 mein kint, nu gib mir kaine vrisl, 

sint dein marter ergangen ist. 

di sunne pirget iren schein 

aller der werlt gemaine, 

di erde pidemt, do si leil, 
180 auf cliben sich di staine. 

valsche diet, ir pruvet nicht 

was sein gothait pringet; 

alle di sein ouge sicht, 

nach seinem tode si ringen. 
1S5 tot, nu nim uns baide, 

das er nicht alaine 

von mir icht schaide 

also jamerleichen 

sein tot mich toelet, 
190 sein plflt mich roe tet, 

sein not mich noetel 

mit im jamerlichen. 

o juden, ir vil grimmige diet, 

ir seit, di den tot vor riet! 
195 meine mage, judischen leute, 

was schonet ir mein heule? 

er stirbet nicht wol aine. 

nu loetet mich al gemaine 

mit Jhesum, wan ich des pit 
200 und rechet euch do mit. 

suzzer sun vil gfiter, 

sich an deine mflter 

und ruche dich erparmen 

uber mich vil armen! 



171 dieter reim konnte nicht zur herstellung des i benutzt werden, da er aus dem 
spiegel 557 enlnommen ist 195 maget vgl. spiegel 569 19S und t vgl, spiegel 586 

200 spiegel 588: und rechent iuch an mir da mite. 

8* 



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60 

205 bis mir nicht zu lierte 

an deiner hinvertc, 

wan du mein aincr trost nu pist. 

laz mich sterben ane vrist. 

wer srhol mich Ircesten, als ich dicb 
210 vorlise, Jhesu minneclich. 

mir tilt not das ich traurig pin. 

ach, wo schol ich keren bin? 

wer bilfet mir, wer gibt mir nil? 

also jamerlich es mit mir slat. 
215 gedenke an mein armes leben, 

wer srhol mir nu trost gebcn? 

vil zarter sun, nu sprich! 

weme willu bevelhen mich? 

Jhesus zu seiner mfiter sprach! 

Sich werde maget und mfiter mein, 
220 Johannes schol dein sun sein 

und nim in zu einem kinde. 

ach, miller mein, erwinde 

und laz dein grozzes wainen sein. 

du nim sein war also mein. 
225 du waist wol, das ich da zu pin geborn. 

nu ist ges Lillet meines vaters zorn. 

wie mochle anders erfullet sein 

di schrirt, do von so leide ich pein 

vor alles menschlicbe chunne. 
230 dar nach selde und wunne 

schol erslan und erseheinen 

dir und den jungern meinen. 

das geschiet an dem dritten I age, 

la, vrowe m tiler, deine clage! 
235 dar nach schol ich zu himel varn 

mit den engelischen scharn 

zu meines valers trone. 

do schol ich leben schone. 

o milter, la dein trauren stan. 
240 wan ich di selben funden ban, 

di er verlorn schefelein, 

di dicke irr gegangen sein; 

den wil ich nu zu hilfe kumen, 

mein tot schol manger sele frumen. 
245 dar umbe, libe m titer mein, 

Maria, la dein wainen sein. 

ach, herzenschcene maget, 

hab ein herze unvorzaget, 

laz dein wainen uber mich, 
250 suzze mfiler, iroRste dicb. 

du scholt zu himel mil mir, 

Maria, nach deines berzen gir, 



210 vor lize ich. 236 den fehlt 



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61 

di weile schol Johannes dein 
phlegen, [libe] mfiler mein. 

255 er schol dir ifln dinest scliein, 
rccht als da seist di muter sein. 
er schol dich des genizzen Ian, 
das ich in vor lip gehabt han 
und noch von herzen lip han. 

260 Johannes, sich dein niftier an, 
Johannes, du vil gfiler, 
sich an deine mfiter 
und nim ir war, 
di mich gebar. 

265 si was mein mflter pis her, 
wan si was meines herzen ger, 
nu mag si wol dein m filer sein. 
phlig ir wol rechte also mein 
und hah si in deiner hflte, 

270 Johannes, liber nefe gftter. 

Johannes zu Jhesum sprach: 

Jhesu, vil suzzer gotes sune, 
so ich zu deinen gnaden kume 
in der potschafl mit witze 
vor dein gollich antlitze, 

275 sprich ich lob und ere dir 
durch dein jamerlich marlyr 
und nmb deine grozze not 
und urab deinen piltern tof 
und umb dise swere pein, 

280 di nu leidet das herze dein. 
nu emphahe ich in mein hfite 
Mariam, di suzze und gfite. 

Jhesus zu Mariam sprach: 

Maria, zarte mflter, 

Johannes, nefe g filer, 
285 nu ist alles das volbracht, 

das di juden haben erdacht. 

nu en wil ich nichl lengor lehen, 

meine sele wil aufgeben 

in meines vater hende. 
290 der wil si wider senden 

zu dem himelischen throne, 

daz si do bei silze schone 

an alle missewende. 

hi hab di red ein ende. 

[Maria] 
295 Owe, mir, nu ist er tot; 



254 libe fehll 255 schol fehlt nach2b$: Johannes sich deine muter an 273 mit 
wicse 292 besitze. 



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62 

des vernewet sich mein not 

und mein jamerliche clage, 

di ich clegelichen trage, 

als es clage were 
300 umb mein grozze swere. 

Owe, was hat er euch getan? 

ja raocht ir im nicht daz leben Ian 

und benemet mir den leip? 

was schol ich nu vil amies weip, 
305 sinl ich dein pin worden ane? 

amen sprechet alle, 

das es Grist mfiz gevallen. 



297 jamerleiches clagen. 



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II. 

Aus der handschrift XVI. 9. 33 der Prager Universitatsbibliothek. fvgl. KeUe 
in Naumanns Serapeum 1859 s. 66 f[.), drei bande in sedez, gebele und tractate 
enthaltend. im letzten findet sich fol. 179*— 187" das hier abgedruckte stuck, 
die schrift stammt aus dem xvi jahrhundert. nur die graulichsten auswuchse der 
schreibung wurden beseitigt. 

179* Incipiunt alia pulcra de passione 
Chrisli et primo Jude de Jerusalem 
posl Chrisli vendicationem in Bethania 
responsio.. mater inlroiit. 

Ay du lieber frunt nieyn, Juda, 
bcrichl mich, was ich dich frag 
und sag mir nach meyner beger, 
was horestu newer mehere 
5 zu Jerusalem in del stat 
vod der falschen juden rat, 
den si haben wider mein kint, 
dem si so gram sint? 
ich forcht, si werden in toten. 
10 o himelischer vater, hilf im aus noten! 

Judas respondil: 

Ach Maria, laft deyne jemerlichc frag 
und kere dich an keyne sag. 
ich hore von im nichtes dan alles gut, 
darurah babe eyncn steten mut 
15 und laft aus deynem herzen 
179'* den grofien jemerlichen sclimerzen. 
ich hah in lieb in dem herzen meyn 
und hab grofte sorg des leben seyn. 
gar ungern wolt ich doch das im leyt geschehe. 
20 das wolt ich dir in rechter warheyt sagen und jehen. 



IS das 1. 



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38 alweter. 



64 



II ic Sal va tor irausicns cum tliscipulis suis in 
Jerusalem valedicit matri: 

Gesegen dich got, du werde muter meyu! 
es kan und mag nit anders geseyu, 
erfullet mufi seyn der ewige rat, 
den die gotheyt beschlotien hat. 
25 darumb, meyn liebe muter, ich von dir gehc 
zu besleligeu itzunt die newe ee, 
dardurch crlost wirt das menscblieh geslcebl, 
das lauge zeyt gewesen ist des teufels knechl. 

Maria ad (ilium: 

Auwe, auwe, meyn lieber sun, 
30 wiltu mich so in elende Ian? 

mir ist meyn berze also swer belriibt, ' 

icb babe dich ganz von herzen geliebt. 

uu lest du mich in jamerheyt. 
180" Owe meynes grolJen herzenleyl! 
35 icb weylS nit was mich immer ant, 

meyn berze ist mir ganz aurgetrant. 

lilius ad matrem: 

Acb, liebe muter, sweyg und macbs nit lang, 
die altveter leyden grofJen gezwang. 

Maria ad iiliuin: 

Acb berzliebes kiut meyn, 
40 laB mich dir bcfolcn seyn. 

Glius ad matrem: 

Ja liebe muter, du wirsl es wol gewar, 
so ich stehe untcr der judischen scbar. 

Virgo ad Johannem post Christi abscessum: 

Johannes, lieber ohem meyn, 

gehe bin und sine, was marter und peyn 
45 die juden itzunt wollen tun 

mcynem berzenlieben sun, 

und sag mir all ir weyft und gebere. 

awe, mir ist meyn herze swere, 

das es vor jamer und not 
50 wil lieber leydeu den bittern tot. 

180 c Johannes respondit: 

Maria, liebe muter meyn, 

ich wil dir al zeyt gehorsam seyn 

und auch hie nil langer stan, 

ich wil zu deynem lieben kindc gan 



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65 

55 unci seyn groBe marter sehen 
uod dir si ofTenbar vorjelieu 

El sic trausil ad locum passionis 
el diligeutcr prospccla rcvcrtilur 
ad virginem dei dicens: 

Maria, liobe luume meyn, 
icli Lii dir kunl scyn marter uud peyn. 
ich sach in bundeu mil groBen stricken, 
60 dar zu leglcu si iui cyn groB creuz auf seyneu nick* n. 
si schlugeu in uud slicBcu in liiu uud licr, 
das es uil eyu wundcr wcr, 
das er von slunde an wcr geslorbeu 
uud untcr dcm schwercu ereuze vcrdorben. 

Maria cauil: 

Auxiatus est in me, spiritus incus, iu uie turbalum 
est cor mcuiu. 
181* 65 Mcyu zele isl bctrubcl in den lot, 
uieyn herze Icyl groBe not, 
dar uiiib, licber Johannes, liilf mir wcyueii, 
wand icli babe niinanl dau dicb eyucn. 
weyuen und clagen ist nu zeil. 
70 scyue marter und groBe jamerkeyl 
vou licrzcn w eyucn wir. 
Johannes, ineyn groB leyl clag icli dir. 

Johannes respondet Marie: 

Maria, es sal mich keyu jamer vorjageu, 
icli tiilT dir gern weynen und clagen 
75 meyneu liebeu herren Jhesum Crist, 
der aller weilt eyn trostcr isU 

Maria valedicil populuni: 

(Jot gesegen eucb, ir man und ir fraweu, 
icli wil gehcu uud meyn trauts kint scliaweu, 
das leydet itzunl jemertichen schmcrzeu, 
80 das beweynet ir nu in eweru licrzcn. 
allc die do muter siut, 
wann ir so sehet ewer kint 
sulcbe marter tragen, 
des belfet mir allc beweynen und bcclagen. 

181'* Maria transit cum Jobanue ad locum 
stacionis et cautat 

(die halbe seite leer) 

Maria elicit : 

85 Auwc, auwe, sag au, jungeling, 
'wo leslu meyn lierzcnlicbes kint? 



82 sehet fehll 84 das hiUT. 



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66 

nuwe, moclil icli in docli hckuuien, 
er ini das leben wiirt genumeu. 

I82 a Johannes respond: I: 

A ii we, au we, aus der juden bans 
90 sacli icli in gchen plutig herans, 
cyn creuzc auf scyneni rueken lag, 
vil grosser dan eyn donnerslag. 

Maria can it lamenlabililer: 
' (der rest der seile leer) 

182'* Johannes canlando respondil: 

(halbe seile leer) 

Maria dicit: 
Auwtf, auwe, jamcr nnd aueh not, 
auwe, wer er noch nielit tot 
1)5 von manchcin piltern schlagen, 
so wolt ich nimmer leyt Iragen. 

Johannes respondil: 

Auwe der jemerlicheu peyn, 

auwe der groflen marter seyn, 
183" auwe, als ich vornommen han, 
100 si wollen in an eyn creuze slan. 

Maria vadil ad fllium et loquitur ei dicens: 

Ach und wee, meyn liehes kinl, 
wie gar unharmherzig dir di vorstockten juden siul! 
wie wirstu so vorspot, vorwunl und voracht, 
owy wee, das ich dich in difte welt hahe gehraclit 
105 das du salt leyden so groBe marter und not. 
auwe, meyn lieher son, ich solt leyden deu lot, 
das ich nit ansehe die grofte marter deyn. 
auwe, das ist mir eyn peyn uber alle peyn. 

fi litis ad malrem : 

Ach muter, laft deyn clagen seyn, 
110 es muft erffillel werden der rat des vater meyn. 
das mcnschliche geschlechte were alles vcrloren, 
hcl ich mir den tot nit aufterkorcn; 
dar umb wil ich die marter nit vormcyden 
uud den pittcrn tot vor alle menschen leyden. 

I83 h Hie repellil Mariam ab eo. 

Maria dicit ad Johannem: 

115 Johannes, lieber 6hem meyn, 

n'u gehen wir hin zu der marter seyn 
und hilf mir clagen seync not. 
auwe und wer er noch nit tot — 

Johannes ad Mariam: [ohne liicke*] 

Salvator ad discipnlos: 



100 sj wolt. 113 muter. 



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67 



Ir aufterwellen junger meyn, 
120 die ewig bey mir wollen seyn, 

secht und nempt eben war. 

ich sag euch alien offenbar: 

ilas menschenkint wirt zu Jherusalem aufslcygen 

unci sich zu seynen leyden neygen. 
125 er wird vorraten unci gefangen 

und jemerlich mil im umbgegaugen. 

er wirt vorspeyet und vorspot werden, 

gehalsschlagt und gegeyftelt auf erden 

und im aufgesetzel von dorn eyn kron 
l v 4' 130 und seyn mil nichte nil gescbonl. 

dar nacb an dem creuze bocb erhaben, 

dar an er aurgibt seyn leben, 

und wird an dem drillen lag wider crslcheu 

und zu seynem himelischen valcr geben. 

Maria dicil ad Jhesum : 

13& du vil lieber sun, 

wie willu an dir also lun? 

du sagesl von deyner grofien martcr und slerben, 

da mil du dem sunder wilt gnade crwerben 

und mit deynera tol sal er werden crlost. 
110 o liebes kint, wo sal ich dan baben Irost? 

ich bil dich, meyn aller liebstes kint, 

du eyne andere weyfte erfint, 

zu erlosen die menschliche selikeyl 

an deynes lodes bitlerkeyl. 

Jesus dicil: 

115 Maria, meyn liebe gepererin, 

ich solt wol erfollen deyn begir und sin 
und erhoren dich in deym gebele ; 
so gepeut mir meyn vater slete, 
das ich sal leyden am creuz den tol; 

150 darumb mil indite brich ich seyn gebol. 

1S4 K Maria Magdalena sedens secundum 

pedes domini dicit. 

Ach, allerliebster herre meyn, 

ich bin fleyssig des lebens deyn, 

ich hab alle tag zu Jerusalem potcn. 

sie sagten mir gar drole 
155 was sie horen von dir sageu in der stat. 

sie sagten mir, das die furs ten haben ral, 

wie sie dich toten mugeu. 

ich pit dich, du woltest also fugen 

und woltest nil zu Jherusalem gan, 
K'.o auf das nit die juden ir spit mil dir ban. 



129 im fefilt 13S den sunder 139 er fehii 146 dye b. 154 nach drote 

scito. 

9* 



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68 

is mil uns hie die oslerspeyse, 

wir wollen dir alle Irewe beweysen. 

Jliesus ail Magdalenam: 

Gehe, ruf die aller liebste muler meyn zu mir, 
id) wil euch sagen alle meync begir. 

Magdalena vocat malrem: 

165 Maria, gehe zu deynera lieben sun vorslan, 
er wil uns seynen trost Ian. 

185* Maria accedit, Salvator dicit: 

Ich sag eueh alien ane liaft, 
sicherlich solt ir wiften das: 
eyne kleyne zeit wil ich bey euch seyn 
170 zu trost der lieben muter meyn. 
morgen wil ich hey euch bleyhen, 
ee die juden ir spil mit mir Ireyben. 
wan sie werden mich gar in kurze fahon. ' 
es begint sich der osterlichen zeit nahcn. 

Maria dicit: 

175 du meyn vil lieber sun Jhesus, 

wie trost du mich alsus! 

ich pit dich, bleyb hey uns zu Belhania 

bey Martha und Maria Magdalena. 

auf den donnerstag haben sie das ahentefien, 
ISO da mit die juden deyn vorgeften 

und werden dir tun nicht. 

lieber sun, des pis von mir berichl. 

Maria Magdalena: 

Ach lieber herre, erhore mich, 
die bete deyner dim das pit ich dich 
1S5 1 ' 1S5 durch deyne grofJe ere, 
dich nit von uns kere. 
ich lurch t gar sere der juden neyt 
werd uns machcn groB hcrzenleyl. 

Salvator ad Magdalenam: 

Die prophelen haben geschriben von mir, 
190 das ich ollenbarlich sagen dir: 

der son gotes sal aufislreeken seyne hende 

und am creuze aurgeben seyn entle. 

got der vater wil seyn nil schonen. 

er wil dem sunder erwerben die hiinlischen krnnci 
l'.»5 dem wil ich gehorsam seyn 

und ilzunt nit der bete der muler meyn. 

der vater hat lang das urteyl geben, 

dar wider ich mit nichte wil slreben. 



166 fatten. 



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<><) 



Maria mater dial: 

Sieh an den leychnam, raeyn lieher son. 
200 «ler dieh gelragen hat so sehon, 

sieh an, kint, das sint die brusle, 

die du gesogen hast, wen es dieh geluste. 
ISO' ieh pit dieh in muterlieher gute. 

meyn kint und herre, do vor dich hute 
205 und gedenk dir zu erfinden 

eyne andere weyse linde 

uuih des niensehen erlosuug 

und den gefangenen zu trostung, 

anders dan mil des ereuzes hillerkeyt, 
210 susl must ieh hahen grols herzenleyl. 

nu pislu doeh die groste weysheyt, 

in der du wol tindesl eyn gleyehheyl, 

das geschehen mag, oh du wilt alleyn. 

ieh pit dieh, gewere mieh, kint r^n. 

Jhesus ad matrem: 

215 Siisse muter, es wer wol billieh, 

das ieh solt erhoren dieh. 

nu wisse, das an mir inuft erfollet werden, 

das von mir isl gesehriben auf crden : 

das mensehenkint niuB steigen auf, 
220 es wirt vorraten und vorkaufl 

und zu dem tot verurteilen. 

dar zu sol und wil ieh eylen. 

186 h Maria : 

Meyn kint, ieh horc du wilt ja leyden 

und den lot mil nieht vormeyden, 
225 du will slerhen mit vorwuntem herzen 

und also leyden pitterliehen sehmerzen. 

so pitt ieh dieh herre noeh, 

und Tolg mir, liehes kint, doeh, 

das du nil sternest zu sehmelieh 
230 an dem ereuze so lesterlieh, 

wan es gnugsam isl eyn blrites tropfleyn 

vor alles mensehlieh gesehleeht in des gemeyn. 

Jhesus: 

Susse muter, ieh erfollet gem deyn gchel, 
so hat gesproehen der prophet 
235 David vor alien propheten alleyn: 

man hat mir gezell alle meyn geheyn. 

das mag nu dureli eynen hlutes Iropfen nil geseheheu. 

will ieh dir in warheyt jehen. 

Maria dieit: 

Meyn aller liehster sun, ieh pitle dich 
1S7* 240 zu dem drillen mal, gewere noeh mieh. 



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70 



gedenke meyn kint an das gepot voran, 
das du se] best hast getan: 
man sal vater und muter eren. 
des selben vorman ich clich, lieber herre, 
215 an die trewe die du schuldig pist 
zu leysten mir in diser frist. 
erwele dir eynen and era tot, 
das du nit leydest des creuzes not. 

Jhesus respondit : 

Ich erkcnne, siisse muter, wol, 
250 das deyn berze ist gar liebevol, 

ich sal dir antworten mit st'issikeyt: 

ich pill dicb, laft deyn jamer und leyt. 

icli wil den himelischen vater pitten fur dicb, 

das er in der zeit sicherlicli 
255 dir gnade wolle genen 

und darnach das ewige leben. 



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III. 

Das folgende gedicht befindet sich in der papierhandschrift ?? 4° der 
Grazer universilalsbibliolhek und fiillt daselbsl die b taller 197" — 203\ den namen 
des verfassers, genauer genommen des bearbeilers, Andreas Kurzmann, lehrl der 
lelzle vers kennen. es ist wol derselbe , von dcm ein ungedruckles gedichl » in 
elwa 1200 versen: Legend von den czvvain heilign Ainelio ains Graven sun und Amico 
ains ritler sun und die warn gar geleich an einandcr in der handschrifl der Salz- 
burger sludienbibliolhek, welche die signalur cod. V. 1. J. S. 2. H l tragi, enl- 
hallen, folgendermafien unlerzeichnel tcurde: 

Secht, also getl die red hie aus: 
gott geb uns dorl das ewig haus, 
aus dera uns nyeinl getreibn chan, 
wenn aller veint mues hin dan. 
also sprach Andre Chuerzman. 

er war monch des kloslers Neuberg in Sleiermark, denn unserem lexle isl von der 
hand des schreibers mil rolen bucks lab en folgende noliz beige fug I : Translator huius 
libri dominus fuil Andreas Chiirczman, monachus monasterii Novimontensis in Styria. 
cuius anima requiescat in pace. Amen, scriptor huius libelli dominus est Henricus 
Schahel de Vischach propc Novam civitatem in Styria, monachus el sacerdos mona- 
sterii Novimontensis. dieselbe la/31 sich erganzen durch eine groflere fol. 169* der- 
selben handschrifl: Haec sunt indulgencie ecclesiarum urbis Romano, scripte per 
I'ratrem Henricum Schahel monasterii Novimontensis professum anno domini MCCCC 
XXV11I . anno etatis raee LX1°, sed ingressionis mee ad mouasterium anno XL 
primo. sub regimine reverendissimi patris ac domini domini SigLsmundi abbalis 
eiusdem monasterii Novimontensis. digue et laudabiliter ipsum monaslerium et tolum 
conventum regnavit. ipse enim est septimus Abbas Monasterii Novimontensis, ordinis 
Gisterciensium secundum regulam sancti Benedicti Abbatis. a fundatione ipsius mo- 
nasterii primus Abbas dicebatur Henricus Spanhalb, receptus de sancta cruce. 
secundus Abbas dominus Simon, tercius Abbas dominus Hainricus qui el resignavit 



1 eine abschrift desselben verdanke ich der giite meines freundes professor Eduard 
Richter in Salzburg. 



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72 

Abbacidin propter debililatem. quarlus frater Jacobus, qui fuit depositus. ct sub 
regimiue ipsius factum fuit inceudium lolius monasterii. sicut ct villa nostra quae 
tlicilur CzwcrndorlT el alia bona monasterii fuerunt alicnata. el boc magnum dampnum 
inlulit monaslerio nostro. quiulus Abbas k Erhardus dictus Krackauer de nova civi- 
late, qui cliain fuit depositus. sextus Abbas dominus Cbristiauus de Polau, iniciator 
omnium bonorum monasterii Novimontensis. septimus dominus Sigismundus, Abbas 
de Chruelako, refundator et reparalor monasterii Novimoutensis. secundus erat fun- 
dalor, nam refeclorium et lanalorium , iiiuruin per mouaslerium , capcllam sancle 
Anne in monliculo prope monaslerium, curiam superiorem el inferiorem quae dicilur 
Miirczsleg, domum in Halstal, domum in Viscbacb, domum Wyenne, doinum Muln- 
dorir et alia inulla digne el laudabilitcr expedivit, ideo nunc dicilur fundator secundus. 
— ferner (lurch eine nach der passio de sanclo Acbatio et sociis aufgezeichnele 
bemerkung: a passione sanctorum marlyrum usque ad praesens tempus transacli sunt 
mille ducenti anni el scpluaginla oclo anni. scriptum nam est hoc circa annum domini 
M. CCCC. XXX nonuin, a fratre Ilainrico diclus Scbcbel de Viscbacb, professus in 
in mouasterio Novimonleusi Cisterciensiuin ordinis secundum regulam saucti Benedicti 
Abba lis in Slyria. 

Dazu haben ihre namen in verschiedenen farben geselzl: frater Nicolaus Cbiin- 
dorller, Thomas Cbungfpriiund, frater Andreas Weinstock de Pulka. 

Die oslerreichische heimal des dichlers wird noch besldligl durch die reime: 
wart iverbum): varl 33. 115. 201, zarl: vort 227, da (local): also 197. 277, wa: 
also 395: zier: mir 97. 329. 315: dir 53, schier: dir 229. 

Die schreibung isl ziemlich gleichmdfiig. fiir i wechseln zwar i und y (y;, 
fur u komml meistens v (auch ii) vor, aber regelmaftig werden i zu ey (micli und 
dicb reimen nur aufeinander 7 7. 157, nicht auf -lieh) ei zu av, u und ou zu au 
(auff: lauir 381). 

Ich habe y slels zu i, ii zu u gedndert, doppelconsonanzen im auslaule rer- 
einfachl, fur abwechselndes s und z gleichfalls im auslaule s geselzl (saz: was 5, 
Salhauas: haz 127, bans: auz 417). slalt des milunler im anlaul vorkommenden 
b fur w wurde w geschrieben. ch habe ich gelassen, da es uberall consequent 
durchgefiihrl war und der reim tag: gescbach 221 da fur zu sprechen schien. 



Alle verse haben vier hebungen und alle slump fe reime. das letzlere wird 
bewiesen 1. durch die schreibung der reimworle, 2. durch die reime selbsl. sowol 
in diesen als innerhalb der verse isl niimlich die apokope aller auslaulenden slum- 
men und lonlosen e in der conjugation, declination und bei den udverbien durch- 
gefiihrl. kurze und lange vocale reimen nicht sellen, besonders vor r n und cli. 
anzufuhren sind noch die reime: vrAg: lag 9. 311: sag 159. 421; her: ler 2SI: 
cr 375. 

Im Amicus und Amelius desselben verfassers isl dies noch anders. auch dort 
sind zwar alle verse vierhebig, auch dort werden zwar viele slumme und lonlose 
e nicht geschrieben, aber es bleiben doch noch sehr viele ubrig, die reime ^^: - ^ 
sind sellen und die starken apokopen in den reimen noch nicht ganz durchgedrungen. 
als klingende reime gelten daselbsl zb. die infinitive der meislen verba, wdhrend 
unser gedichl, und das isl bezeichnend, aufter sein, slen, gen keinen einzigen infinitiv 
als reimworl enlhalt. diese verschiedenheit zwischen den beiden gedichlen isl viel- 
teichl dadurch zu erklaren, da/3 im Amicus und Amelius ein stoff hbfischer epik 
behandell wurde und defihalb der einflufi der gulen dlleren erzdhlungen die aupersle 
rohheit fernhallen mochle, wdhrend der geistliche stoff durchaus davor nicht schutzen 
konnte. moglich auch, daft man das soliloquium fur spate r verfaftl zu halten hat. 



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73 

Alle verse haben auflakl. * senkungen fehlen nirgends. * als letzle senkung 
linden sich nur unbelonte silben. 3 auch fehlen zweisilbige senkungen. 4 es ist 
somil das princip der silbenzahlung durchgefuhrt. 

Was die quelle des gedichles belrifrt, so wird dieselbe schon in der uber- 
schrift angedeulet: secundum Gregorium papam el doclorem sanclissimum. mil Gre- 
gorius hann nur der papsl Gregor der Grofie gemeint sein. unler den dialogen 
desselben, welche sich ausschliefllich mil der erzahlung von wundern abgeben, be- 
findet sich jedoch keiner, welcher unserem gedichte zu grunde liegen konnle. auch 
gib I es Heine selbstandige dhnliche schrift Gregors. dagegen gehen zahlreiche slellen 
des soliloquiums wirklich auf sdtze Gregors zuriick, die aus verschiedenen seiner 
schriflen gezogen sind. die anmerkungen tceisen dies nach. wie aber kam Kurz- 
matin dazu, die uberselzle zusammenslellung solcher worle Gregors in der form 
eines dialoges zu geben? ich wage eine vermutung. der eingang des soliloquiums 
ist auffallend dhnlich dem anfange des abschnilles der vila beate Marie virginis 
el Salvatoris metrica, den ich HZ XVII, 524 ff abgedruckt habe. dieser abschnill 
hat die form eines dialoges zwischen Maria und Jesu. er enthalt auch spdter noch 
einige gedanken, die unser gedichl bring t. vielleicht ha\ dieses vorbild den monch 
Andreas Kurzmann dazu bewogen, seine sammlung der Gregorianischen loci dialogisch 
zu geslalten. 

Die werke Gregors wurden nach der 4b audi gen Benediclinerausgabe (Paris 
1705) cilierl. wenn ich auch slellen aus schriflen beibringe, welche Gregor dem 
Grofien mil unrechl zugeschrieben werden, so lue ich dies im hinblick darauf 
dap im miltelaller alles fur Gregorianisch gehallen wurde, was so benannl war. 
einige, freilich nichl wesenlliche, hilfe hal die biographie des papsles von Lau ge- 
leistet. 



Incipit Soliloquium Marie cum Jhesu secundum Gregorium papam et doclorem 

sanclissimum. 

197' Ain dincli wil ich nun sagen hie 
das sich vor langer zeit vergie, 
do goles sun, heir Jliesus Christ, 
ein junger chnah gewesen ist. 
5 sein roueter oft pei im do sas 
in reenter lich als pilleich was, 
auch ward in fragen vil und vil, 
als ich hcrnach von sagen wil. 
si sprach zu im an aincm tag: 
10 'sag an, mein chind, wes ich dich frag, 



1 gebessert wurden 168. 221. 

* da her wurde 360 ich eingesckallel. in 427 fehlt die senkung wegen des eigen- 
namens. 

3 ausgenommen sind 133 und 210. zu dem letzteren vergl. 272. 

4 gebessert wurden 74. 137. 271. man vergleiche noch 86 und 334. 

10 



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74 



weun allcr weishait pisl ilu vol, 

als ich gelaub und wais es wol. 

audi golcs sun du immer pist 

der ic do was und ewig ist. 
15 ich pitl dicli an als ineinen got, 

von dem her gent deu gueten pot 

deu Moyses hie den juden gab 

als ich cs wol gelesen hab. 

wie aver du inein sun hie seist, 
20 des pin ich noch nicht wol geweist 

und dar umb sag mir, liebcs chind, 

das ich der warhait gar erfind, 

di nieman wais nur du alain, 

und hast von mir doch flaisch und pain.' 
25 hcrr Jhesus, als ich schreib hcrnacli, 

zuc seiner lichen niueler sprach 
t<J7 u 'mein mueter, was ich sag nun dir, 

das scholt du zwar gelauben mir: 

ich pin vor aller creatur 
30 ain wares liecht und ain figur 

init got der alle dinch beschuef 

von anegcng an widerruef. 

und das geschach mit scinem wart, 

das ich nun pin ze aller vart. 
35 ich pin vor alleu dingcn ee 

und ewiglcich mit got her ge, 

wcnn gotes sun das ist mein nam, 

do mit ich in di welt her cham. 

pei meinem vater was ich ie, 
40 als er und ich wol wissen wie. 

chain mensch das nicht crgrundcn mag 

mit seiner chunst pei nacht und tag. 

er chumt halt nimmer gar hin an, 

wie vil er wais, wie vil er clian; 
45 wenn als die schrift ze lesen geit, 

di gothail ist vor allcr zeit. 

chain drum, chain end, chain lcng, chain zil 

di go thai t an ir haben wil, 



12 glawb vgl. 28 15 constat enim, quia ipse creavit matrem, in cujus virginco utero 
ex humanitatc crearetur. in Evangel. II, horn. XXV, 6. 19 du au' 29 If quatenus 

ejus sapientia ad nostra slnlta desccuderet et lucem supernac prudentiae luto suae carnis 
illuminata nostra caecitas videret. Moral. XXIX, 1. noch wird gotl ah das lie /it darge- 
slcllt in Evang. I, horn. II, 7. verwendel van Gregor in der Miss a in die natali Domini 
ah praefalio. opp. Ill, p. 8 35 non solum homo ultra homines sed homo etiam 

super angelos factns. hinc enim de illo per Jsaiam dicitur: in die ilia erit fructus 
terrac sublimis. (4, 2) in Ezech. II, horn. I 37 verbum qtiippe patris est Alius etc. 

in Evang. II, h. XXX. 41 verbum qtiippe absconditum invisibilis filius vocatur Moral. V. 

47^* quia enim ipse manet intra omnia, ipse extra omnia, ipse supra omnia, ipse 
infra omnia et superior est per potentiam et inferior per sustentalionem, exterior per 
magnitndinem et interior per subtilitatem : sursum regens, deorsum rontinens; extra cir- 
cumdans, intends penetrans etc. Moral. II, 12. vgl. noch Moral. XVI, 8, in Ezech. I. horn. 
VIII, 17. 



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75 



wenn alle dinch si uber get 

50 und nichtes nicht an si bestet. 
gol vater, ich und auch der gaisl, 
der alle guelen dinch beweist, 
198* wir drei sein stet in ainer zir 
doch drei person, das sag ich dir. 

55 aiu golliait ist uus alien an, 
di nieman nichl geschaiden chan; 
wenn was der vater wil und tuet, 
das ist dem sun auch lieb und guct. 
der hailig gaisl ist auch do pci, 

60 das nichtes unterschaiden sei. 
wir haben slet nur ainen sin, 
nicht ainer her, der ander hin. 
ain lieb, aiu zuchl, ain guetichait, 
di ist uns alien schon berait. 

65 halt ainer parmung sei wir vol, 
do ie der mensch zue hotlen schol. 
wir haben auch nur ain gestalt, 
das nichtes nicht ist manichvalt. 
rechl ainer als der ander ist 

70 an der gestalt ze aller frist.' 
Maria schon ir chind an sach, 
auch zuchtigleich hin wider spracli: 
'mein liebes chind, ich ho3r dich wol. 
sag mir wes ich dich fragen schol. 

75 seit mit der go thai t hast gemain, 
wie pist du chomen her alain, 
das du di menschail nemst an dich? 
mein chind, das lazz auch wizzea mich. 
IDS 1 ' herr Jhesus sprach mil senflem mund 

SO zue seiner mueter an der slund: 
'mein mueter, dir ist wol bechanl 
das gotes son ich pin genant 
von anegeng und ewichleich 
dorl oben in dem himelreich. 

S5 seit ich dann chomen pin her ab, 
den selbign nam ich von dir hab, 
das ich dein sun pin auf der erd. 
des pist du, raineu mueter, werd. 
gol vater und der gaist alain 

90 sind in der gothait mir gemain. 
wie aver sei der mensch gestalt 
das ist auf mein person gezalt, 
wenn nur alain ich under in 
zue einem menschen warden pin. 

95 ich pin dein sun und auch der sein. 
der nam ist ewichleichcn mein. 



b\ff commtvitar zu Excelsior caelo est et quid facies? profundior inferno et unde 
cognosces? longior terra mensura ejus et latior man. Moral. X, 9. vgl. noch. in Evang. 
11 horn. XXV, 7. 74 doch sag mir 

10* 



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76 



chain sun churat nimmermer nach mir 
der an im hab die gotes zir. 
chain magt gepert auch nimmermer, 

100 wenn got alain dir gab die er, 
das gotes sun wurd hie dein cliind, 
dem alle dinch gehorsam sind, 
die er mil seiner majestat 
von anegeng beschaflen hat.' 
199* 105 Maria schon die red auf nam 

mit aller zucht, als si wol zam. 
si sprach bin wider, als man list, 
zue dem vil lieben Jhesu Christ 
'mein chind, ich muez dich fragen nier, 

110 nun war umb pist du chomen her? 
mein lieber sun, das tue mir chund, 
wenn honig get aus deinem round, 
auch siiezze red di saist du mir 
nach a lies meines herzen gir/ 

115 herr Jhesus sprach recht an der vart 
'o mueter, nun hoar meine wart, 
das ich her ah nun chomen pin 
nach meines vater muet und sin, 
das get nur von dem mcnschen zue, 

120 der nindcrt hat ain chlaine rue, 
do gotes pot er uber trat 
rait frevel in der werden stat; 
das ist alain das paradeis, 
das got beschuef in all em preis. 

125 dar in der mensch hetrogen ist 
mit listen gar ain lange frist, 
wenn ja der laide Sathanas, 
der trueg dem menschen neid und has. 
do mit er in auch uber wand, 

130 auch bet in vest in seiner hand. 
199 h der mensch im nicht entrinnen chund 
vil tausent jar und lange stund. 
der veint dem menschen ser oh lag 
ze aller zeil pei nacht und tag. 

135 schau dar umb pin ich chomen her, 
das ich den veint wil'pinden ser, 
das er gar niemen schaden chan, 
der gotes nam wil ruefen an. 
den menschen ich im zucken wil 

140 mit einem wunderlcichen spil, 
do mit ich gar den veint vertreib 
und hail dem menschen sel und leib. 
er chum I auch in der engel schar, 
das sag ich, mueter, dir fiir war.' 



\¥l ff die vertuchungen Adams werden geschilderl in Evang. 1 horn. XVI, 2. 137 

geschadn. 



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77 



145 Maria schoa bin wider sail: 

'mein chind, dein red ist coir geroait, 
si get von dir gar sauberleich 
uud ist auch aller vreudeja reicjj. 
nun wol mich wart, das du der pist 

150 der in di welt her chomen ist, 
der sich des menschen underwind, 
mein got und auch mein liebes chind. 
doch wie der mensch mug werden frei 
und vor dero veint doch ledig sei, 

155 auch wie der veint chora in dein hand, 

das ist inir noch nicht wol bechant. 
200" das selbig lazz audi wizzen mich, 
mein liebes chind, des pill ich dicli.' 
her Jhesus sprach 'hc&r was ich sag. 

160 ich gib ein antwurt deiner frag, 

doch scbol cs dir nicht sein ze swer, 
wenn zwar ich sag dir scharfeu mer. 
den pittern tod ich leiden muez, 
noch mag mir des nicht werden puez. 

165 doch wird mein tod ein scliarfer slrancli 
dcm leufel under seinen da neb- 
wenn als er mich gezwicket hat, 
so vvirl ich im gar sprechen mai. 
mein tod wird im ein scharfes sper, 

170 das er nicht mag noch hin noch her. 
mein tod wird im recht als ein pheil. 
ich lazz im hall nicht lenger weil, 
er muezz hin dan vor meiner chrafl 
mit aller seiner ritlerschaft. 

175 mein tod der wird in nick en schier, 
das er nicht mer also regier 
recht als er vor des hat gelan 
mit poshait uber fraun und man. 
das wil ich alles understen 

180 und in mit grozzer macht angen; 
das ist alain der pitler tot 
und dar umb ist mein hie gar not, 
200 b das ich den veint gar uberwind. 
des pin ich warden hie dein chind/ 

185 Maria gar vil hart erkam, 

do si die scharfen red vernam. 
si sprach 'we heut und immer mer, 
dein red ist mir recht als ein sper, 
si ist mir halt recht als ein pheil 

190 in njeinem herzen zeit und weil. 



147 exposih'o super Cant. cant. Ill, 0. 165/7* sed jam Satan redeat, id est, ab 

effectu suae malitiae vis ilium divina constringat. Moral. I, 22; IX, 27; XXXII, 24 
166 wider? 169 ich fehlt 183 animam vero illius (Christi) servare praecipitur, 

non quod hanc tentare prohibetur, sed quod hanc superare non posse convincitur. Moral. 
Ill, 16. 



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78 

scholt du verderben als du saist, 
das ist vor allem laid das maist. 
aeh, chind, was hcer ich heul von dir, 
wenn scharfea mer deu saist du mir. 

195 dein red ist mir ein grozzer slag, 
den ich nicht wol verdulden mag.' 
her Jhesus sprach 4 ini ist also, 
wenn z\var es stet geschriben do, 
das ich ersterben muez alain 

200 gar pitterleich fur di gemain. 

gedenk, mein mueter, an di wart, 
di zue dir sprach ze ainer vart 
her Simeon, der heilig man, 
der mich do sach mil freuden an. 

205 in gotes tempel das geschach 
und er also zue dir do sprach 
*nim war, dich stechen wirt ain swerl 
und grozzes lait an dir gemert. 
das was nicht anders wann di zeit 

210 so mir der pitter tod an leit. 
das tuel dir iu dem herzen we 
unz das ich von dem tod erste. 
und das geschichl, als ich dir sag, 
gewisleich an dem drilten tag. 

215 uiuht lenger lig ich in der erd, 
das auch di tat volchomeu werd 

20P die Jonas schon bedeutet hat 
mit seiner wundcrleichen tat. 
den gar ain visch in sich versland 

220 uud man in doch gesunden vand 
so schon an deme drilten tag, 
das im halt nie ain lait geschach. 
also wirt auch geschehen mir. 
das sag ich, liebe mueter, dir.' 

225 Maria sprach hin wider schon 

'mein chind, dein red geit siiezzen don. 
si ist hall aus der mazzen zart. 
nun wol mich heut und iimnervart, 
wenn ich vernamen hab von dir, 

2.J0 das du ersten wirst also schir. 

wenn anders wer mein leben krank, 
auch zeit und weil wer mir ze lank, 
doch sag mir, liebes chind, noch mer, 
des ich dich frag mit grozzer er. 

235 nun chund es anders nicht gesein, 
nur du miiest leidcn hie die pein, 
auch stcrben fiir des mcnschen schuld, 
do mit er chem zue gotes huld?' 



197 vgL 277 221 so fehlt. in der grofsen slelle in Ezech. II horn. VIII, 7 findrt 
sich unler don mil der au/'erslehung verglichenen wundern das des Jonas nicht. 



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79 



her Jlicsus sprach gar scliou zue ir 

240 'hcer mueter, was ich sag nun dir. 
mein vater, der gewaltig ist 
in alien din gen als man list, 
der hiel vvol fundeu ainen sin, 
do rait der mensch wer chomen hin. 

245 doch zani in des wol recht und guel, 
das ich vergiessen scholt mein pluet 
recht als ain lamp an alles mail, 
auch sterben f(lr des menschen hail, 
do mit verleust der veint sein recht, 

250 das er do het zue gotes chnecht. 
das ist her Adam nur alain 
und sein geslecht mit der gemain 
201 1 ' fur die ich schol und leiden vvil 
der smachait aus der mazzen vil. 

255 ich muez vertragen neid und haz 
von aller welt an underlaz, 
als lang unz ich die marter leid. 
so hat ein end der juden neid. 
und als ich an dem chreuz nun hang. 

260 da nun derplaichcnt meine wang, 
so wirt man mein dann spoten vil 
mit itwiz ilnd mit kaukelspil. 
der teufel wartet meiner sel, 
und pin es doch Emanuel, 

265 der in die welt her chomen pin 
in reenter mainung auf den sin, 
das ich mein volch dcrlosen wolt 
mit meinem pluet und nicht mit gull.* 
do Christus das und raer gesprach, 

270 so scholt ir hceren was geschach. 
Maria sprach 'we meiner zeit, 
wenn angst und not mir ane leit. 
ach we, ach we und immer we! 
ich lig, ich sitz, ich ste, ich ge, 

275 der red ich nicht vergessen mag 
die weil ich leb nur ainen tag.' 
her Christus sprach 4 im ist also, 
wenn zwar es stet geschriben do, 
das ich muez leiden hie die pein. 

280 es mag halt anders nicht gescin. 
wenn dor umb pin ich chomen her, 
das ich vol pringen wil die ler, 
die dem propheten ist bechant, 
der Jsaias ist genant. 



245 Moral II, 10 wird erbrtert diaboli voluntas mala sed potestas justa. Gregor 
hat dariiber zahlreiche stellen 251 liber quartus in primum Return 1,7 271 

spr. ach we. es wird stets Maria betont. 284 von Gregor angezogen m Ezecn. I. 

horn. VIII, 31. die game stelle des Jsaias 53, 3(7) benutzt Gregor lib. quart, in primum 
Regum V, 17. 



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80 

285 der sclbig schraib also von mir, 
das ilzund ich wil sagen dir: 
cr wirt gestagen also ser, 
das man das pluet sicht iliessen her. 
er wirt verspirlzet also gar, 

290 das er muez werden ungewar 

202" recht als ein sunder siecher man, 
der von den leu Leu muez hin dan. 
mein chreuz ich selber tragcn muez, 
auf meinem ruck mit miiedem fuez, 

29 5 unz das ich chum hin an die slat 
da man die schelch verderhet hat. 
ich pin als ainer under in 
wie wol ich doch unschuldig pin. 
doch scholl du haben ringen muct 

300 wenn zwar es wirt dir alles guet, 
das ich den menschen hailen wil, 
auch gar sein not schol haben zil.' 
Maria sprach Mein red ist zart, 
mein liebes chind, ze aller vart. 

305 doch sag mir, herzenlieber, sam 
das ich dich frag an alien gram, 
so wenn du nun gestorben pist 
an deinem chreuz, mein Jhesu Christ, 
wo chuml dein liebe sel dan hin? 

310 mein liebes chint, sag mir den sin/ 
her Jhesus schon hin wider sprach, 
als ich wil sagen nun hernach: 
'so wenn mein sele get von mir, 
als wie ich wil, das sag ich dir, 

315 so chumt si in di hell hin ab. 
der leichnam leil in aiuem grab, 
die gothait zu der sel hin get 
gewaltichleich und pei ir stet. 
als nun die sel chumt in die hell, 

320 die selben ich also derschell 
mit ainem ubergrossen saus, 
das alien veinten wirt ain graus. 
sei trutz, das sich ir ainer riier, 
wenn ich ir chraft also zefuer, 

325 und auch so chreftichleichen pind, 
das gar ir chraft ist als ain wind, 
der nieman gar geschaden mag, 
wenn gar unchreflig ist sein slag. 
202 h mein volch das nim ich her zue mir 



320 ff Moral. XXIX, t2. 13 schildern das hinabsteigen Christi in die ho lie und 
wie er portas mortis, hoc est potestates adversas superavit vgl. nock Moral. XII, 9. 

329 # in Etech. II horn. HI, 16; in Evong. II horn. XXII, 4—6 und horn. XXX. 
ferner handell davon der brief nr XV des VII. buches: ad Georgium presbyterum et 
Theodorum diaconum ecclesiae Constantinopolitensis. inhalt: Descendet ad inferos Jesus 



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81 



330 und pring cs gar mit grosser zir 
in das vil wiinsam paradeis. 
do hat es ubergrossen preis. 
do werdent sie mein warten schon 
mit freuden umb den ewign Ion, 

335 unz das ich in den himel var 
mit meiner ausderwelten schar. 
ich pring sie meinem vater zue. 
do win in auch die ewig rue.' 
Maria sprach 'mein liebes chind, 

310 dein red isl aus der roazzen lind, 
doch sag mir noch wes ich dich frag 
mit aller andacht. an dem tag, 
als du nun von dem tod erstest 
und von dem grab mit lob her gest, 

345 wirsl du dich nicht erzaigen mir 
in deiner freudenreichen zir, 
do mit mein trauren hin verswind? 
das sag mir, herzenliebes chind.* 
her Jhesus schon hin wider s>prach 

350 und sie mit grosser lieb an sach. 
er sprach 'als paid und ich erste, 
des ersten ich zue dir hin ge. 
mit grosser zir ich dir derschein; 
das dir vertreiben schol dein pein. 

355 du wirst auch grosser freuden vol. 
des zimt dich, liebe mueter, wol.' 
Maria sprach mit aller zucht 
'noch sag mir, herzenliebe frucht, 
so wenn du nun erstanden pist 

360 von deinem tod, als man es list, 
wie lang beleibest auf der erd, 
die deiner tugent ist unwerd?* 
her Jhesus schon hin wider sait, 
auch mit der antwurt was berait 

365 'so wenn ich nun erstanden pin, 
auch hab den tod vertriben hin, 

203' sechs wochen ich noch hie beleib 
und auch die zeit also vertreib, 
das ich zue meinen jungern ge 

370 und sie mit gueter red beste. 
ich sag in alien meinen sin, 
auch tugentleichen red mit in. 
der hailig gaist chumt auch in sew, 
der in ir herz also vernew, 

375 das sie do laufenl hin und her, 
auch chunden aller welt mein er. 



Christns, solos illos liberabit, qui eum et venturum esse crediderant «J P nec 9|f; e J U8 
vivendo tenuerant. 351 liber primus in primum Regum. Ill, 13 360 es feML 



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82 



halt was vor langer zeit geschach 
und auch geschehen schol hernach, 
das wirt in a lies werden cliund, 

380 wenn icli es gib in iren mund. 
nach dem wirt ich dann varen auf 
gewaltichleich mit vollem lauf 
zue meinera vater in das reich 
dar in er wonet ewichleicli.' 

385 Maria sprach noch mer zu im 

'mein liebcs ehind, raein red vernim. 
als du nuD in dem himel pist 
pei deinera vater alle vrist, 
wem will du mich dann lazzen hie? 

390 es wirt mir gen ich waiz nicht wie. 
ich hinder dir nicht wol beleib. 
wenn zwar ich wurt ein armes weib, 
scholt ich von deinen augen sein, 
das wurt mir gar ain grosse pern.' 

395 her Christus sprach 'nicht red also, 
wie wol ich dort pin anderswo, 
der hailig gaist dein troster ist 
an aller slat recht wo du pist. 
wenn aller trostung ist er vol 

400 und chan es aus der mazzen wol, 
recht wie er wil uach seinem muet. 
die red sei deincm herzen guet.' 
Maria sprach 'mein trost ist chlain, 
ich sei dann nur pei dir alain. 
203 1 ' 405 und dar umb frag ich dich noch mer. 
wirst du icht aver chomen her, 
das du mich neraest bin zue dir? 
wenn das ist alle mein begir.' 
her Christus sprach recht an der stund 

410 'ich tue dir, liebe mueter, chund, 
so wenn dein leben hat ain zil, 
mit freuden ich dir chomen wil 
auch nemen wil dein raine sei. 
die schol der lieb sand Micbahel 

415 schon auf belaiten in die stat, 
die dir mein hant beraitet hat. 
das ist in meines vater haus, 
da nieman wirt getriben aus. 
mit sei und leib chumst du do bin, 

420 wenn ich des wol gewaltig pin.' 
secht, nach der red als ich hie sag 



410^" Gregor hat im liber sacramenlorum eine Missa in Vigilia Assumptions Sanctae 
Mariae und eine zur Assumptio sanctae Mariae Virginis (opp. Ill, p. 122. 3), auch im Anti- 
phonarium {v. HI, opp. 707) wird die assumptio erwa'hnt, aber nirgends dabei der ersengel 
Michael. 



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Maria tel nicht mer aio frag, 
also nam auch die red am end. 
got alien chummer uns verwend, 
425 auch geb, das wir in sehen an, 
den nieman gar vol loben chan. 
also sprach Andre Ghurtzman. 

Amen. 



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Druck Ton J. B. Hirschfeld in Leipzig. 



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